Sport : Erfolg der Toskana-Fraktion

Nach einer starken Mannschaftsleistung gewinnt der Italiener Mario Cipollini das Straßenrennen der Rad-WM – Erik Zabel holt Bronze

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Von Hartmut Scherzer

Zolder. Mitten im Fahrerfeld rissen einige seiner Mannschaftskameraden schon die Arme hoch. Vorne zog Mario Cipollini unwiderstehlich davon und überquerte mit sicherem Abstand die Ziellinie. Zum ersten Mal seit zehn Jahren ist wieder ein Italiener Rad-Weltmeister. Cipollinis langem Sprint konnte keiner mehr folgen. Auch nicht Robbie McEwen und Erik Zabel. Der Australier wurde Zweiter, der Deutsche Dritter.

Es war der Höhepunkt einer großartigen Saison für Mario Cipollini: Sieg bei Mailand-San Remo, sechs Giro- und drei Vuelta-Etappen und nun der Weltmeistertitel. Dabei hätte er am Sonntag gar nicht bei der WM in Zolder sein sollen. Im Sommer hatte er bei der Tour de France seinen Rücktritt vom Radsport verkündet – und ihn sieben Wochen später widerrufen.

Der 35-Jährige Sprinter aus der Toskana hatte vor dem Rennen seine italienische Mannschaft davon überzeugt, auf seine schnellen Beine im Massensprint nach 256 Kilometer zu vertrauen. „Eine große Verantwortung lag auf meinen Schultern“, sagte der neue Weltmeister. Er wurde ihr gerecht und belohnte den Teamgeist und die Gemeinschaftsarbeit der Italiener mit dem ersten Weltmeistertitel seit zehn Jahren, seit dem Sieg Gianni Bugnos 1992 in Benidorm.

Alessandro Petacchi und Giovanni Lombardi hatten den Spurt perfekt für ihren Kapitän angezogen. Und jubelten wie die anderen italienischen Fahrer schon vor dem Ziel wie eine Fußballmannschaft nach einem Tor. Nur Cipollini ließ die Arme am Lenker. „Ich wusste nicht: Ist es Traum oder Wirklichkeit? Es wird etwas dauern, bis ich das begriffen habe.“ Das Weltmeister-Trikot mit Regenbogenstreifen wird ihm dabei helfen.

„Cipo ist der Schnellste und hat verdient gewonnen“, gratulierte sein großer Rivale Erik Zabel. „Das Podium mit Cipollini, McEwen, Zabel ist das Spiegelbild der ganzen Saison.“ Aber auf den Australier, der ihm bei Tour de France das Grüne Trikot weggeschnappt hatte, war der 32-jährige deutsche Kapitän richtig sauer. „Ich habe Robbie hinterher gesagt: Das ist Radrennen und kein Boxkampf.“ In der Jacky-Ickx-Schikane der Rennstrecke von Zolder hatte McEwen den Deutschen bedrängt, der direkt hinter Cipollini fuhr. Diese günstige Position wollte auch McEwen für den Endspurt auf der 400 Meter langen Zielgeraden erobern und drängte Zabel in den beiden Kurven brutal zur Seite. „Erik hatte die Wahl, zusammen mit McEwen zu stürzen, oder die Position aufzugeben“, sagte Teamchef Olaf Ludwig.

McEwen giftete auf der Pressekonferernz zurück: „Ich musste an Cipollinis Hinterrad. Doch da war Zabel. Es geht bei der Vorbereitung auf den Sprint eben nun einmal hart zu. Zu einem Boxkampf aber braucht man Hände.“ Erik Zabel blieb bei allem Ärger immerhin die Bronzemedaille. Außerdem vergrößerte der Berliner, der in Unna wohnt, durch den dritten Platz seinen Vorsprung an der Spitze der Weltrangliste. „Ich hoffe, dass ich wieder als Weltranglisten-Erster überwintern kann.“ Gegen Mario Cipollini hatte er jedoch keine Chance. Titelverteidiger Oscar Freire (Spanien), als Sprinter ebenfalls ein Medaillenanwärter, hatte auf der vorletzten Runde durch einen Defekt alle Chancen eingebüßt.

Auf dem Hochgeschwindigkeitskurs jagte das Feld mit noch knapp 170 Fahrern durchs Motodrom, als sich drei Kilometer vor dem Ziel ein spektakulärer Massensturz ereignete. Alle Sprinter und ihre Anfahrer waren allerdings vorne und blieben davon verschont. Noch dreißig Fahrer blieben nach dem Unfall übrig, darunter Sven Teutenberg aus Mettmann, der Achter wurde, und Danilo Hondo aus Cottbus, der auf dem zwanzigsten Rang landete. Von den zwölf deutschen Fahrern erreichten nur Jens Voigt (Berlin) und Sebastian Lang (Erfurt) nicht das Ziel. Voigt gab wegen eines Defekts nach 200 Kilometern auf. „Nach zwei Radwechseln war die Kerze aus“, sagte der Berliner.

Immerhin blieb der befürchtete Regen aus. Walter Godefroot, der Chef des Teams Telekom, blinzelte an der deutschen Box in den Himmel: „Auch in Belgien scheint die Sonne.“ Nach der elften von zwanzig Runden auf dem 12,8 Kilometer langen Rundkurs endete die 125 Kilometer lange Flucht des Franzosen Christophe Moreau.

Ein Trio mit dem Schweizer Camenzind, dem Österreicher Wrolich (Gerolsteiner) und dem Briten Millar behauptete sich 50 Kilometer an der Spitze, bis zur 16. Runde. Ein Funkspruch von der deutschen Box an den deutschen Begleitwagen kündigte von der nächsten Wendung in diesem Rennen. „Alle Belgier sind vorn“, lautete er. „Aufpassen, das Spektakel geht bald los.“ Und tatsächlich eröffnete in der 17. Runde der Flame Ludo Dierckxsens eine ganze Serie von belgischen Ausreißversuchen.

Wirklich entscheidenden Erfolg hatte jedoch keiner. Auch Johan Musseuw, der König der Klassiker und 1996 Belgiens letzter Weltmeister, kam an seinem 37.Geburtstag nicht weg vom Feld. Vor allem, weil die Italiener in nicht gekannter Einheit mit Tempo 51 an der Spitze des Pelotons das Rennen bis zum Massenspurt kontrollierten.

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