Sport : Erfolg macht Angst

Claus Vetter

Chris Valentine zuckt mit den Schultern. Begründungen dafür, dass seine Krefeld Pinguine die Konkurrenz in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) scheinbar nach Belieben dominieren? "Das ist schwer zu erklären", sagt der Trainer. "Wir haben eine gute Moral in der Mannschaft, wenig Verletzte und einen Lauf." Dann lacht der Kanadier, unterbricht sich selbst. "Keine interessanten Erkenntnisse, oder? Fangen wir doch mal mit etwas Einfacherem an. Meine elfjährige Tochter Amanda ist vergangene Woche in Chemnitz Deutsche Meisterin im Eiskunstlauf geworden. Und ich weiß warum, sie hat hart gearbeitet dafür."

Misserfolg aufzuschlüsseln, das ist im Sport ein banales Alltagsgeschäft. Gründe für das Versagen sind oft schnell gefunden. Mit dem Umkehrfall ist es meist weniger einfach. So verhält es sich derzeit auch in Krefeld. Nach 36 Spieltagen hat der DEL-Tabellenführer 81 Punkte auf dem Konto, nur sieben weniger als am Ende der Hauptrunde in der vergangenen Saison nach 60 Partien. Damals verpassten die Krefelder erstmals seit zehn Jahren die Play-offs.

Es musste sich etwas ändern. Elf Spieler verließen den Klub, Valentine kam als neuer Trainer. Den Erfolg musste er sich billig erkaufen. Der Etat wurde im Vergleich zum Vorsaison nicht erhöht, war mit acht Millionen Mark nicht üppig bemessen. Mancher verlor angesichts diese Prämisse die Geduld, bevor es überhaupt losging. Rick Amann, ein alter Weggefährte von Valentine aus Zeiten als Spieler bei der Düsseldorfer EG, wurde nach wenigen Wochen als Manager der Pinguine geschasst. "Der Rick ist nicht zurechtgekommen", erinnert sich Valentine.

Bei seinen vorherigen Stationen als Trainer war auch der 40-jährige Kanadier nicht gerade vom Glück verfolgt. Die Düsseldorfer EG und der EV Landshut zogen sich aus der DEL zurück, als Valentine ihr Coach war. In Mannheim und bei den Capitals wurde er entlassen. In der niederrheinischen Provinz, so scheint es, hat der Trainer Valentine nun endlich sein Glück gefunden. "Hier ist es einfach schön. Obwohl manches eine Nummer kleiner ist, als zum Beispiel in Berlin. Aber die Gehälter werden pünktlich gezahlt, es ist ein angenehmes Arbeitsklima."

Ausgerechnet in Krefeld, wo Mitte der Achtziger Jahre einer der amüsantesten Skandale der deutschen Eishockeygeschichte produziert wurde. Damals versuchte der Krefelder EV einen Kanadier namens Randy Spielvogel am Ausländerkontingent vorbeizuschmuggeln. Spielvogel habe angeblich 18 Monate als Schäfer in der Lüneburger Heide gearbeitet und sei daher als Eishockeydeutscher spielberechtigt, hieß es. Eine Lüge, die dem Zweitligisten 40 Punkte Abzug bescherte. "Heute ist hier alles seriös", sagt Valentine. "Anderswo reden sie nur über neue Hallen. In Krefeld wurde vor zwei Wochen das Projekt für eine Arena vorgestellt. Im Frühling ist Baubeginn, in einem guten Jahr können wir dort spielen. Das beste ist, wir behalten die Rheinlandhalle und unsere Trainingsfläche, haben also gute Möglichkeiten für den Nachwuchs."

Die solide Nachwuchsarbeit bei den Pinguinen zahlt sich aus. Christian Ehrhoff ist nicht nur Stammspieler bei den Pinguinen, sondern mit nur 19 Jahren auch schon Nationalspieler. Freilich, in Krefeld spielt ein anderer die erste Geige: Brad Purdie, Topscorer der DEL. "Wie ein Star führt er sich trotzdem nicht auf", sagt Valentine. "Das ist gut so. Manchmal funktioniert ein Orchester ohne Starsolisten eben besser." Und wie sieht die Rolle des Dirigenten aus? "Der Dirigent darf nicht zu wild herumfuchteln." Manchmal, sagt Chris Valentine, mache ihm der Erfolg in Krefeld nämlich auch Angst. "Alle wollen mehr und mehr. Ich versuche ständig, die Erwartungen zu dämpfen. Die Play-offs haben noch nicht begonnen."

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