Sport : Erfolg oder Ästhetik

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Sven Goldmann über das Abschneiden der EishockeyNationalmannschaft

Peter Forsberg holte sich die Scheibe hinter dem eigenen Tor, spielte den ersten Finnen an der Mittellinie aus, den zweiten kurz dahinter, beschleunigte, umkurvte die Gegenspieler drei und vier, drehte einen engen Radius um das finnische Tor, und als er die Grundlinie gerade wieder überquert hatte, schlenzte er den Puck aus spitzestmöglichem Winkel ins linke obere Tordreieck, umgeben von 13 000 finnischen Fans, die hin- und hergerissen waren zwischen Bewunderung und Entsetzen. Was für ein Tor!

Peter Forsbergs Sololauf zum 5:5 war der ästhetische Höhepunkt eines grandiosen Eishockeyspiels, das Schweden nach einem 1:5-Rückstand noch 6:5 gewann. Und es war ein beeindruckendes Kontrastprogramm zu dem, was zuvor die deutsche Nationalmannschaft bei ihrer ehrenwerten 2:3-Niederlage gegen Kanada gezeigt hatte: großen Kampf, aber wenig ästhetisches Vergnügen. Diese Aufholjagd war ein Muster bedingungsloser Hingabe, und darauf darf Bundestrainer Zach stolz sein. Aber wer in der ersten Euphorie der Meinung war, das deutsche Eishockey habe den Abstand zu den Weltmächten dramatisch verkürzt, der möge sich eine Aufzeichnung vom Spiel zwischen Finnland und Schweden anschauen. Läuferisch und technisch sind die Deutschen den großen Nationen in Europa und Nordamerika noch deutlich unterlegen. Das ist ein Ergebnis unzureichender Nachwuchsarbeit.

Umso bemerkenswerter sind die Ergebnisse der Deutschen in den vergangenen Jahren. Mit harter Arbeit und eiserner Disziplin hat die Nationalmannschaft dreimal in Folge das WM-Viertelfinale erreicht, das Turnier in Finnland beendet sie als Sechster noch vor Russland. Erfolg ist alles, Ästhetik ein Luxus – dieser Maxime hat Bundestrainer Zach die fünf Jahre seiner bisherigen Amtszeit gewidmet. Die gewachsene Reputation im Ausland und die immer stärkere Beachtung daheim geben ihm Recht. Eishockey wird in Deutschland wieder jenseits von Skandalen wahrgenommen. Ein bisschen Zach würde wohl auch den großen Nationen ganz gut tun. Zum Beispiel den Finnen, die im Rausch ihrer 5:1-Führung gegen die Schweden den Erfolg der Ästhetik unterordneten. Gegen die deutsche Mannschaft hätte Peter Forsberg sein Tor zum 5:5 nie im Leben erzielt – weil ihn spätestens der zweite Verteidiger in die Bande gerammt hätte.

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