Sport : Erfolge mit Speer und Stab

Steffi Nerius gewinnt Gold, Tim Lobinger holt Silber – die deutschen Staffeln gehen zum Abschluss der EM leer aus

Friedhard Teuffel,Jörg Wenig[Götebo]

Zur Feier des Tages legte Steffi Nerius einen besonderen Kopfschmuck an. „Det är det som susen gör“, diesen schwedischen Satz hatte sich die Speerwerferin auf ein Stirnband drucken lassen – „Das ist das, was gut tut“, heißt das ungefähr. Die Speerwerferin kann sich sicher kaum etwas vorstellen, was ihr besser hätte tun können als dieser schwedische Nachmittag. In Göteborg wurde die 34-Jährige zum ersten Mal Europameisterin. „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagte sie.

Für Steffi Nerius ist aber auch ein Albtraum zu Ende gegangen. Am selben Ort, im Ullevi-Stadion von Göteborg, war Nerius bei den Weltmeisterschaften 1995 als Weltjahresbeste in den Wettbewerb gegangen – und wurde nur Elfte. „In den letzten Jahren habe ich viel an Stabilität und Selbstbewusstsein gewonnen“, sagte sie. Genug jedenfalls, um mit 65,82 Metern am Sonntag die beste Speerwerferin in Europa zu sein. Als die Tschechin Barbora Spotakova gleich in ihrem ersten Versuch 65,64 Meter weit warf, sei sie noch nicht geschockt gewesen. „Ein Schock wären 68 Meter gewesen“, sagte Nerius. Dann legte sie selbst nach und war auch noch auf einen weiteren Angriff der Konkurrenz eingestellt. „Ich hatte, das Gefühl, dass ich noch einen Konter hätte setzen können.“ Das war dann aber nicht mehr nötig. Nerius gewann den Titel und vergoss bei der von einem Chor gesungenen deutschen Hymne ein paar Tränen. „Irgendwann kriegt jeder, was er verdient“, sagte sie.

Schon im vergangenen Jahr bei den Weltmeisterschaften in Helsinki hatte sie auf einen ganz großen Triumph gehofft. Doch da kam ihr nicht nur die Kubanerin Osleidys Menendez mit einem Weltrekord von 71,70 Metern dazwischen, sondern auch Christina Obergföll aus dem Schwarzwald mit einem Europarekord von 70,03 Metern. „Ich wollte diesmal nicht schon wieder mit Bronze nach Hause gehen“, sagte Nerius, die von der Insel Rügen stammt, seit einigen Jahren für Bayer Leverkusen startet und dort auch als Trainerin für körperlich behinderte Athleten arbeitet. Christina Obergföll wurde in Göteborg Vierte. Mit 61,89 Metern verpasste sie die Bronzemedaille nur um neun Zentimeter.

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Seinen ersten Europameistertitel gewann Alex Awerbuch an einem tragischen Ort, seinen zweiten jetzt zu einer tragischen Zeit. Awerbuch entschied 2002 den Stabhochsprung für sich und holte damit die erste Leichtathletik-Medaille bei einer Europameisterschaft für Israel – ausgerechnet in München, wo sich 30 Jahre vorher ein für 11 Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft tödliches Geiseldrama von palästinensischen Terroristen ereignet hatte. Diesmal sprang Awerbuch in Zeiten des Krieges. „Als ich heute ins Stadion ging, habe ich im Herzen mein Land und alle Menschen mitgenommen, die für Frieden sind“, sagte er. Ursprünglich kommt Awerbuch aus Sibirien, startet aber seit 1999 für Israel und wohnt in Tel Aviv. Zur Siegerehrung legte er sich eine israelische Fahne über die Schulter. „Mein Sieg ist eine gute Nachricht für Israel“, sagte Alex Awerbuch.

Tim Lobinger freute sich dagegen weniger. „Er ist sicher derjenige, gegen den man am wenigsten gern verliert“, sagte der Kölner, der gemeinsam mit dem Franzosen Roman Mesnil Zweiter wurde. Beide hatten 5,65 Meter übersprungen, Awerbuch 5,70 Meter, Richard Spiegelburg war bei regnerischem Wetter mit 5,40 Metern 13. geworden, Lars Börgeling ohne gültigen Versuch ausgeschieden. Lobinger hatte schon vor dem Wettbewerb erzählt, dass Awerbuch ein Außenseiter in der Gruppe der Stabhochspringer sei und sich auch dadurch schon mal unbeliebt mache, dass er die Anlaufmarkierungen der anderen Springer wegschieße. Doch auch Lobinger gilt wegen seiner unbedachten Äußerungen und Ausraster nicht gerade als Vorbild für gutes Benehmen. „Ich hätte gerne Gold geholt, zumal ich so gut vorbereitet war wie noch nie“, sagte Lobinger jedenfalls, „aber ich mit Silber bin ich eigentlich doch zu 100 Prozent zufrieden.“

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Es war keine Titelverteidigung, auch wenn die britische 4-mal-100-Meter-Staffel der Männer schon bei den vergangenen Europameisterschaften 2002 in München als Erste ins Ziel gelaufen war. Doch einer aus dem Quartett hatte mit verbotenen Mitteln nachgeholfen: Dwain Chambers. Wegen der Einnahme des Designersteroids THG durfte er zwei Jahre lang nicht starten, und Bestzeiten und Titel wie eben der Gewinn der Europameisterschaft im Einzel und mit der Staffel wurden ihm aberkannt. Inzwischen hat er seine Dopingsperre hinter sich, und nachdem er in Göteborg im Einzelfinale über 100 Meter als Siebter keine Rolle gespielt hatte, konnte er sich jetzt wenigstens in 38,91 Sekunden den Titel mit der Mannschaft sichern. Die deutsche Staffel belegte in 39,38 Sekunden Platz fünf.

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Die deutschen Frauen hätten über 100 Meter in der Staffel sogar noch ein besseres Ergebnis serzielen können, wenn ihnen nicht die Nerven einen Streich gespielt hätten. Es geschah beim letzten Wechsel. Cathleen Tschirch sollte Verena Sailer den Staffelstab in die Hand drücken,doch die bekam ihn nicht zu fassen und nach einigen Griffen in die Luft landete der Stab auf der verregneten Laufbahn. Die deutschen Sprinterinnen waren allerdings nicht die einzigen, denen ein Missgeschick passierte. Auch die Französinnen kamen genau so wie die Belgierinnen mit ihrer zweifachen Europameisterin Kim Gevaert nicht ins Ziel. Am dichtesten dran war noch die deutsche 4-mal-400-Meter-Staffel der Männer an einer Medaille dran. Sie wurde Vierte.

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Patrick Sjöberg war das Idol von jungen schwedischen Sportlern, nachdem der Hochspringer in den Achtzigerjahren mit 2,42 Metern einen Weltrekord aufgestellt hatte und auch Weltmeister geworden war. Damit hat er genug für die schwedische Leichtathletik getan. Inzwischen hält er sich oft in Brasilien auf. Bei den Europameisterschaften war er jeden Tag im Stadion – am Sonntag jedoch sah man ihn nicht. Die Zeitung „Göteborgs-Posten“ berichtete, Sjöberg sei nach einer Party in eine Polizeikontrolle geraten und hätte sich einem Drogentest unterziehen müssen. Mit dem Ergebnis werde in den nächsten zwei, drei Wochen gerechnet.

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Einen Tag nach dem sensationellen Marathontriumph der Rostockerin Ulrike Maisch blieb zumindest im Rennen um Gold bei den Männern eine Überraschung aus. Am Sonntag setzte sich der große Favorit im Feld der Marathonläufer durch: Der Italiener Stefano Baldini gewann nach 2:11:32 Stunden den Titel. Zum zweiten Mal nach 1998 wurde der 35-Jährige Europameister über die klassische Distanz. Anders sah es dagegen auf Platz zwei aus, denn die Silbermedaille sicherte sich unerwartet der Schweizer Viktor Röthlin (2:11:50) vor dem Spanier Julio Rey (2:12:37). Deutsche Läufer hatten sich für den EM-Marathon nicht qualifiziert.

„Für mich lief an diesem Tag alles perfekt. Es war nicht leicht, gegen den Wind zu laufen, und auch die Strecke war teilweise nicht einfach“, sagte Baldini, der vor zwei Jahren in Athen Olympiasieger im Marathon geworden war. Schon jetzt denkt der Italiener an die Spiele 2008 in Peking. „Schritt für Schritt plane ich Richtung Olympia 2008, denn ich möchte meinen Titel verteidigen. Der Sieg heute war ein wichtiger Erfolg in meiner Karriere“, sagte Baldini, für den es in Göteborg fast schon ein einfacher Erfolg gewesen ist. Zwar war das Männer-Rennen vergleichsweise besser besetzt als das Rennen der Frauen einen Tag zuvor, doch ein EM-Marathon hat lange nicht die Qualität eines Laufes bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften. Und auch die großen Herbstmarathonrennen wie Berlin, Chicago oder New York werden aufgrund der vor allem afrikanischen Konkurrenz wesentlich hochkarätiger sein.

Bei dem nicht sehr schnellen EM-Marathon hatte sich im letzten Teil des Rennens ein Zweikampf zwischen Baldini und Röthlin entwickelt. „Als das Tempo dann etwas langsamer geworden war, habe ich an der 40-km-Marke attackiert“ , sagte Baldini. „Ich habe hier keine Goldmedaille verloren, sondern Silber gewonnen“, sagte Viktor Röthlin. Der 31-jährige Schweizer feierte in Göteborg den größten Erfolg seiner Karriere. „Es ist unglaublich – in der Nacht vor dem Rennen habe ich geträumt, dass ich Silber gewinnen würde.“ Für Viktor Röthlin hat sich der Traum erfüllt.

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