Sport : Erfolgreich und umstritten

Warum der Basketball-Verband seinen Bundestrainer Henrik Dettmann trotz WM-Bronze kritisiert – aber jetzt mit ihm in die EM-Qualifikation geht

Benedikt Voigt

Berlin. Henrik Dettmann sagt manchmal seltsame Sachen. „Das Spiel ist größer als du“ oder „das Spiel braucht dich nicht, aber du brauchst das Spiel.“ Das Spiel, das er meint, heißt Basketball, und wenn einer dieses Spiel tatsächlich braucht, ist es Bundestrainer Henrik Dettmann. Seinen Hals ziert ein Kettchen mit einem silbernen Miniatur-Basketballfeld, auf den Ein- und Ausschaltknopf seines Handys hat der 44-Jährige einen halben Mini-Basketball geklebt. Dieses Spiel ist sein Leben. Wer ihn als Bundestrainer verstehen will, muss den Menschen Henrik Dettman und seine Basketball-Philosophie kennen. Was aber weiß sein Chef, der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) Roland Geggus, über seine Philosophie? Der Bundestrainer zuckt mit den Achseln.

Dettmann ist im DBB umstritten. Und das, obwohl dem Bundestrainer mit der Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 2002 in Indianapolis der größte Erfolg in der Geschichte des Basketball-Verbandes gelang. Unmittelbar nach der WM sagte der DBB-Präsident dem Tagesspiegel: „Dettmann bekommt eine zweite Chance.“ Es gebe auch in Indianapolis Menschen, die sagten, Platz drei sei eine kleine Enttäuschung, das deutsche Team hätte auch Platz zwei oder eins erreichen können. Ende Oktober verlängerte der Verband nun den Vertrag mit dem Finnen. Um ein Jahr. Widerwillig, so scheint es. Der „FAZ“ sagte der DBB-Vizepräsident Wolfgang Hilgert: „Der Jahresvertrag gibt uns die Möglichkeit, kurzfristig nach allen Seiten offen zu sein.“

Somit erhöht sich vor den EM-Qualifikationsspielen in Irland (heute), in Dessau gegen Zypern (23. November) und in Bosnien-Herzegowina (27. November) der Druck auf den Bundestrainer. Die Qualifikation für die EM gilt als Pflicht, zumal die deutsche Mannschaft gegenwärtig die Gruppe C vor Kroatien und Bosnien-Herzegowina anführt. Dettmanns Weiterbeschäftigung hängt vor allem vom Abschneiden bei der EM in Schweden ab. „Wenn Dettmann die Qualifikation für die Olympischen Spiele schafft, gibt es keinen Grund, nicht weiterzumachen“, sagt Hilgert. Doch das wird schwer. Nur die ersten drei Teams der EM 2003 qualifizieren sich auf jeden Fall für Olympia 2004. „Wenn wir das nicht schaffen, müssen wir uns zusammensetzen und sehen, woran es gehapert hat“, sagt Hilgert. Für Dettmann könnte dies das Ende als Bundestrainer bedeuten.

Nach der WM stand sein Coaching in der Kritik. Er habe sich in der entscheidenden Phase des Halbfinalspiels gegen Argentinien (80:86) zu passiv verhalten, hieß es. Dabei war es erneut Ademola Okulaja, der es in der Endphase versäumte, ein taktisches Foul zu begehen. „Das kann man so sehen“, sagt Holger Geschwindner, Dirk Nowitzkis Mentor, „aber da muss ich doch an der Seitenlinie das HB-Männchen machen.“ Bereits während der EM 2001 in der Türkei hatte es aus Nowitzkis unmittelbarem Umfeld Kritik an Dettmanns zurückhaltender Art beim Coaching gegeben. Aufbauspieler Mithat Demirel schrieb im „Basketball“-Magazin über die Endphase des WM-Halbfinales: „In solchen Situationen wäre es ganz hilfreich, wenn man ein System hätte, das man stereotyp durchlaufen könnte.“ Über die Kritik an der Taktik des Trainers sagt Demirel inzwischen: „Das ist etwas falsch übermittelt worden.“

Dabei spricht vieles für Dettmann, der 1997 als unbekannter und folglich billiger ehemaliger finnischer Nationaltrainer beim DBB anheuerte. Sein Vorgänger Vladislav Lucic hatte sich aufgrund der vielen Niederlagen den Spitznamen „Loosic“ erarbeitet. Das kann man über Dettmann nicht sagen. Unter ihm gibt es eine stete Aufwärtsentwicklung: Platz sieben bei der EM 1999, Platz vier bei der EM 2001, Platz drei bei der WM 2002. Natürlich spiegelt die Bilanz auch die Fortschritte von Dirk Nowitzki wider, der inzwischen zu den 15 besten Spielern der Welt zählt. Doch auch der Rest der Mannschaft steigert sich. Stefano Garris, Mithat Demirel und Misan Nikagbatse spielen in der Nationalmannschaft oft besser als im Verein. Was an Dettmanns Philosophie liegen könnte, Spielern Eigenverantwortung und Vertrauen zu geben. Daraus erklärt sich auch seine Ruhe am Spielfeldrand. Er glaubt, die Spieler seien selber in der Lage, die richtige Entscheidung zu treffen. Kritiker antworten, dass er aus der Not eine Philosophie gemacht habe.

Die Stimmung im Nationalteam ist gut, was auch ein Verdienst des Menschenfreundes Dettmann ist. Das weiß auch der DBB, der nun, da der Vertrag um ein Jahr verlängert ist, den Trainer wieder lieb hat. Hilgert sagt: „Wir wollen vernünftig miteinander arbeiten.“

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