Sport : Erfolgreiche Planwirtschaft

Schon im vierten Jahr sind die Eisbären ein Spitzenteam in der DEL – weil sie eine ganz eigene Philosophie haben

Claus Vetter

Berlin - Gern denken Trainer im professionellen Mannschaftssport schon mal laut „von Spiel zu Spiel“. Gerade so etwas geht Pierre Pagé ungern über die Lippen, höchstens mal als Ablenkungsmanöver im Alltagsgeschäft. „Wenn wir ein Spiel verloren haben, wollen die Leute halt hören, dass wir es beim nächsten Mal besser machen“, sagt der Trainer der Eisbären. „Von Visionen kannst du dann nicht reden.“ Dabei spricht Pagé mit Vorliebe über Visionen. „Denn die muss eine Organisation haben, um dauerhaft erfolgreich zu sein.“ Das sind die Eisbären: Mit neun Siegen in Serie sind sie zurzeit die erfolgreichste Mannschaft in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), eine erstaunliche Kontinuität findet in dieser Saison ihre Fortsetzung: Die Berliner Konkurrenz im Kampf um den Titel hat sich in den vergangenen vier Jahren geändert, die Stärke der Eisbären ist geblieben. Ein Phänomen, zumal die Berliner nicht etwa einen finanziell so mächtigen Status in der Liga haben, wie zum Beispiel Bayern München in der Fußball-Bundesliga.

Aber die Eisbären haben, wie ihr Trainer sagt, „einen Plan“. Geduld sei wichtig und eine akribische Personalpolitik: „Spieler, die man verpflichtet, sollten Potenzial nach oben haben. Das baut die ganze Mannschaft auf. Spieler, die in ihrem Leistungsvermögen nach unten gehen, ziehen alle anderen mit herunter.“ Pagé macht einen Schlenker ins Finanzgeschäft: „Man sollte doch auch in Aktien nicht investieren, wenn sie ihren Höchststand erreicht haben.“ Bei den Eisbären hätte man kürzlich einen Verteidiger haben können, der vielleicht besser gewesen sei als alle anderen Verteidiger im Team. „Aber auch wenn es ein guter Spieler war, seine Leistungskurve zeigte zuletzt nach unten. Er hätte uns langfristig nicht geholfen.“

Nun ist die Strategie der Eisbären, verstärkt auf lernwilliges jüngeres Personal zu setzen in der DEL, nicht einmalig. Dessen ist sich Pagé bewusst: „Auch andere Klubs loben eine Linie aus, doch sie verlassen sie zu schnell, wenn etwas nicht funktioniert, oder sehen sich im Unglück.“ Beispiele dafür gibt es zur Genüge. Die Mannheimer Adler und die Hamburg Freezers haben dieses Jahr mehr Geld für Spieler ausgegeben als die Berliner, deren Etat im Vergleich zur Meistersaison kleiner geworden ist. In der Tabelle rangieren beide Klubs weit hinter den Eisbären, die Begründungen der Verantwortlichen sind eher unbefriedigend. Nachdem sich in Hamburg ein Torhüter nach dem anderen verletzte, sprach Sportdirektor Boris Capla von einem „Torhüterfluch“. Dabei, sagt Eisbären-Torwarttrainer Gilles Lefebvre, „hätten die Freezers mal überlegen sollen, ob sie beim Torhütertraining alles richtig gemacht haben“. Mannheims Manager Marcus Kuhl redet hingegen von „Pech“, wenn er über „die schlimmste Saison, die ich in 14 Jahren Mannheim erlebt habe“, spricht. Den Misserfolg erklärt das nicht. Auch in Hannover haben sie trotz prominenter Verstärkungen nach gutem Start mit Niederlagen zu kämpfen. Weil mitten in der Saison keine guten Spieler zu haben waren, kam mit Wally Schreiber bei den Scorpions ein 43-Jähriger zu seinem Comeback. Des Stürmers persönliche Bilanz bislang: Fünf Spiele, null Tore, null Vorlagen.

Panikverpflichtungen hält Pagé für einen großen Fehler. Er habe sich von Rückschlägen in Berlin nicht irritieren lassen. „Als wir 2003 im Halbfinale scheiterten, war die Enttäuschung natürlich groß“, sagt er. „Und spätestens nachdem wir ein Jahr später wiederum als Hauptrundenerster die Finalserie gegen Frankfurt verloren haben, hätten die meisten Klubs die Menschen im Verein ausgewechselt.“ Die Eisbären haben dies nicht getan, ein Jahr später wurden sie Deutscher Meister.

Pagé sagt: „Das Fundament muss stehen und viel aushalten können.“ Und das kann es bei den Berlinern, die als einziges DEL-Team eine zweite Mannschaft in der dritten Liga haben und somit einen größeren Kader als die Konkurrenz. Außerdem leisten sie sich den in der DEL nicht überall üblichen Luxus eines Torwarttrainers.

Sicher, in Hohenschönhausen arbeitetet es sich unbeschwerter als andernorts. Der Erfolgsdruck ist in Mannheim, Köln oder Hamburg höher, weil diese Klubs in ihren modernen Arenen fünfstellige Besucherzahlen zufrieden stellen müssen und nicht wie die Berliner in einer kleinen Halle spielen, die überwiegend mit Stammpublikum gefüllt ist. Trotzdem, sagt Pagé, werde sich an seiner Philosophie nichts ändern, wenn sein Klub einmal in der geplanten Großarena am Ostbahnhof spielt. Auch dann werde er nach einer Niederlage über aufkommende Unruhe im Umfeld nicht nachdenken. „In so einem Fall musst du dich erst recht an deinen Plan halten und hart arbeiten.“ Und nicht „von Spiel zu Spiel“ denken.

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