Sport : Erfolgreiches U-Boot

Felix Meininghaus

Die beiden Mädchen sind sich ihrer Sache nicht sicher, und schauen immer wieder zu dem Mann hinüber, der mit zwei kleinen Kindern im Münsteraner Stadtbad Mitte rumtollt. "Das ist doch Jens Lehmann", tuscheln sie. Endlich fasst sich eine der beiden ein Herz und fragt. Ja, er ist es. Ein kurzer Plausch über Borussia Dortmund folgt. Lehmann nimmt sich Zeit, antwortet ruhig und freundlich. Das soll der größte Kotzbrocken im deutschen Profifußball sein?

Immer wieder ist Jens Lehmann in den letzten Jahren mit diesem Ruf konfrontiert worden. In die Sache hat er sich zum Teil selbst hineingeritten, teilweise wurde das einmal entstandene Image bereitwillig aufgegriffen und weitergesponnen. Unfreundlich sei dieser Mann, verstockt - kurz: ein arroganter Schnösel. Komischerweise waren solche Vorwürfe früher kein Thema. Damals, als der Essener Junge auf Schalke zum Nationalspieler aufstieg. Lehmann war ein Riese, die Probleme begannen erst, als er über den Umweg AC Mailand beim BVB landete. Ein Mann vom Feind, ein U-Boot - so drastisch sehen sie das im Revier. Lehmann war sowohl bei der blauweißen als auch bei der schwarzgelben Fraktion unten durch.

Als der Torwart im Dortmunder Abstiegskampf der Saison 1999/2000 in eine ernste Krise geriet, den Ball fallen ließ oder über harmlose Rückgaben senste, schlug das sowieso schon angespannte Verhältnis der Fans um in Hass. Lehmann fühlte sich verkannt und zog sich in die selbst gewählte Immigration zurück. Die verfahrene Sache schien endgültig aus dem Ruder zu laufen, als Lehmann vor dieser Saison bei einem Freundschaftsspiel in Nehheim-Hüsten von BVB-Fans übel beschimpft und körperlich attackiert wurde. Der unnahbare Torwart reagierte für alle überraschend besonnen: Er suchte das Gespräch mit den Anhängern. Mittlerweile hat sich das Verhältnis entspannt. Lehmann wird zwar nicht geliebt, aber allseits respektiert.

Vor dem heutigen Revierderby gegen Schalke ist für den BVB vor allem wichtig, dass Lehmann seinen Job zwischen den Pfosten vorzüglich verrichtet. Die Rückkehr zum blau-weißen Rivalen ist längst kein Thema mehr. Derzeit sind sie in Dortmund bemüht, den Torwart weiter an sich zu binden. Doch die Gespräche ziehen sich in die Länge. Trotzdem werden sich beide Parteien wohl auf einen neuen Kontrakt einigen. Schließlich ist Lehmanns Zeugnis in dieser Saison tadellos: 15 von 32 Saisonspielen in der Liga und im Europapokal zu null und dabei nur 21 Gegentreffer zugelassen - damit hat der BVB die erfolgreichste Hintermannschaft im deutschen Profifußball.

Die "Bild"-Zeitung, immer auf der Suche nach markigen Titeln, nannte ihn jüngst "Gigant Lehmann" und zog die Schlussfolgerung: "In der Liga ist derzeit keiner besser. Auch Oliver Kahn nicht." Zudem fehlt dem Konkurrenten im Bayern-Tor ein Superlativ, den Lehmann für sich beanspruchen kann: 1997 gelang ihm eine historische Tat, als er als bisher einziger Torhüter der Bundesliga-Geschichte ein Tor aus dem Spiel heraus erzielte. Das Kunststück gelang per Kopf in der Nachspielzeit des Revierderbys im Westfalenstadion. Im Gegensatz zur heutigen Auflage trug Lehmann damals das Schalker Trikot. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

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