Erich Beer über Berliner Duelle : Mit Wimpeln nach drüben

Herthas Legende Erich Beer schreibt über das Westberliner Derby gegen Tennis Borussia in den Siebzigern, seine Achtung für den 1. FC Union und Fans aus dem Osten.

Erich Beer
Erich Beer (hier an der Seite von Werner Ipta) hat große Achtung vor dem, was der 1. FC Union geleistet hat.
Erich Beer (hier an der Seite von Werner Ipta) hat große Achtung vor dem, was der 1. FC Union geleistet hat.Foto: IMAGO

Wenn in Berlin vom Derby die Rede ist, fällt mir als Erstes Tennis Borussia ein. Hertha gegen TeBe, das war in den Siebzigern das West-Berliner Duell schlechthin. Bei normalen Bundesligaspielen haben die Zeitungen immer erst tags zuvor mit ihrer Vorberichterstattung begonnen, beim Derby ging es schon am Montag los. Da wurde dann das Gewicht der Spieler miteinander verglichen oder die PS-Zahlen unserer Autos. Das Derby war schon ein Highlight – auch weil es das in Berlin nur ganz selten gab. TeBe hat ja nur zwei Jahre zusammen mit Hertha in der Bundesliga gespielt. Die Ausgangssituation war die gleiche wie jetzt mit Union. Wir waren die klare Nummer eins in der Stadt. Der Druck lag also bei uns: Wir mussten gewinnen. TeBe war der Außenseiter und Herausforderer. Jetzt ist das Union.

Beim Hinspiel im Sommer war ich als Zuschauer an der Alten Försterei. Ich finde es schon bemerkenswert, was Union auf die Beine gestellt hat. Dass die Mannschaft es bis in die Zweite Liga geschafft hat, nach all den Schwierigkeiten, die der Klub in der Vergangenheit hatte – das kann man selbst als Herthaner ruhig anerkennen. Die Gehässigkeit auf den Rängen hat mich deshalb ein bisschen irritiert. Da gab es teilweise richtige Hassgebärden. Aber das gehört heute vielleicht dazu, um die Rivalität noch ein bisschen aufzubauschen. Zu meiner Zeit war das anders. Da waren die Fans von Hertha und Union eher befreundet.

Wenn wir irgendwo im Ostblock aufgetreten sind, gab es immer Anhänger von Union, die uns begleitet und unterstützt haben. Die hatten sogar ein spezielles Lied: „Es gibt nur zwei Vereine an der Spree, Union und Hertha BSC.“ Das war schon komisch. Ich erinnere mich noch an zwei Europacup-Spiele in Tiflis und Plovdiv, vor allem aber an ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo Dresden. Das muss 1976 oder 1977 gewesen sein. Im Hotel bekam ich einen Anruf von Jochen Sprentzel vom SFB, der mich gefragt hat, ob wir nicht mal kurz vor die Tür kommen könnten. Vor dem Hotel warteten 20 oder 25 Unioner auf uns, mit denen wir uns dann unterhalten haben. Der SFB hat das aufgenommen und später gesendet.

Einige der Fans habe ich sogar privat mit meiner Frau in Ost-Berlin besucht. Am Sonntagmorgen um zehn sind wir zum Grenzübergang Friedrichstraße. Wir hatten Wimpel, Autogramme und einmal auch ein Trikot dabei. Die Devotionalien hat meine Frau über die Grenze gebracht, weil ich immer streng kontrolliert wurde. Jedes Mal musste ich in eines dieser Kabuffs. Zweimal durfte ich anschließend in den Osten, beim dritten Mal wurde mir die Einreise verweigert. Angeblich weil ich zu viel Aufsehen erregen würde. Meine Frau war schon drüben, ist dann aber gleich wieder zurückgekommen.

In meiner Zeit bei Hertha habe ich den Ost-Fußball recht intensiv verfolgt. Im Stadion bin ich in Ost-Berlin leider nie gewesen, aber im DDR-Fernsehen habe ich mir oft Fußballspiele aus der Oberliga angeschaut. Im Osten wurde immer großen Wert auf das Kollektiv gelegt, herausragende Einzelkönner wie bei uns Beckenbauer oder Overath waren eher unerwünscht. Peter Ducke zum Beispiel, der war ein richtig guter Fußballer, spielerisch sehr stark, torgefährlich, sozusagen ein zweiter Gerd Müller – den haben sie in der DDR klein gehalten und immer wieder gedemütigt.

Trotzdem fand ich die Mannschaften aus dem Osten immer sehr gut. Gegen Dynamo Dresden haben wir damals zweimal 0:1 verloren, sowohl in Dresden als auch in Berlin. Für uns waren das eben normale Freundschaftsspiele, für die DDR ging es in diesen Duellen immer um mehr. Uns war es eigentlich wichtiger, dass wir uns hinterher beim Bankett untereinander austauschen konnten. Das war sogar sehr ungezwungen. Bei der Gelegenheit hat Reinhard Häfner mir erzählt, dass er nur drei Kilometer entfernt von mir aufgewachsen ist. Er kam aus Sonneberg, ich aus Neustadt bei Coburg. Genau zwischen beiden Orten lag der Eiserne Vorhang.

Aufgezeichnet von Stefan Hermanns. Erich Beer, 64, hat zwischen 1971 und 1979 für Hertha BSC gespielt und war mit 83 Toren lange Rekordtorschütze des Vereins.

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