Sport : Erich Ribbeck und das Ende einer Mission

MICHAEL ROSENTRITT

GUADALAJARA/FRANKFURT (MAIN) . Am Ende ist der Teamchef erst einmal froh darüber, "dass alles vorbei ist. Für die Spieler ist das wie eine Erlösung", sagt Erich Ribbeck. Er verlässt als Letzter das Trainingsgelände von Atlas Colomos in Guaralajara, jener Stadt, in der sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft so schwer blamiert hat wie lange nicht. Niederlagen gegen Brasilien (0:4) und die USA (0:2), ein kümmerlicher Sieg über den Fußball-Zwerg Neuseeland - der Konföderationen-Cup in Mexiko war ein Debakel für Ribbeck und seine Mannschaft. "Das war im Prinzip verlorene Zeit", knurrte Ribbeck. "Ich weiß, dass man nicht immer sagen kann, wir mussten hier nur wegen der WM 2006 antreten. Ich muss als Verantwortlicher ausbaden, was irgendwo vorher versäumt wurde."Ribbeck hätte sich schon früher wehren können gegen diese Dienstreise, aber er hat es nicht getan, er hat sie loyal mitgetragen. Er weiß, dass vor allem sein Name mit den denkwürdigen Tagen in Mexiko in Verbindung gebracht wird. Die Berliner Boulevardzeitung "BZ" hat am Sonntag schon mal das Faksimile eines auf Erich Ribbeck ausgestellten Flugscheins abgedruckt, versehen mit dem Hinwies: "Herr Ribbeck, das ist Ihr Ticket zurück nach Teneriffa."Unterdessen bastelt der eigentliche Chef der deutschen Delegation weiter an seiner Selbstinszenierung. Bei Abschlusstraining in Guadalajara hat Lothar Matthäus noch einmal einen Abstecher zur abseits stehenden Presse eingestreut. Er ist eben mal - rein zufällig - vorbeigekommen, der Lothar Matthäus, um seine Botschaft hinters Gitter zu tragen: "Männer, also okay!"In diesem Moment erreicht die Täter-Opfer-Diskussion anlässlich des Konföderationen-Cups ihren Höhepunkt. Die Mission ist gescheitert, in sportlicher wie in sportpolitischer Hinsicht. Denn das Auftreten der deutschen Mannschaft beim Konföderationen-Cup hat nicht nur dem Ansehen des deutschen Fußballs geschadet, sie hat auch noch die deutsche Bewerbung für die WM 2006 ins Trudeln gebracht. Jetzt, nur 24 Stunden nach dem Aus, will niemand mehr etwas zu tun haben mit der Entscheidung, mitten in der kräftezehrenden Saison-Vorbereitung ins heiße und hoch gelegene Mexiko zu reisen. Das gilt für Trainer, Funktionäre, Spieler und natürlich auf für Lothar Matthäus. Der sagt stellvertretend für alle: "Für uns war es nicht das Wichtigste, diesen Konföderationen-Cup zu gewinnen."30 000 Mark hat jeder der nach Mexiko gereisten Spieler bekommen. Das ist eine hübsche Prämie für den individuellen Anteil am kollektiven Versagen, aber darüber mochte am Tag danach niemand reden. Wirkliche Gewinner gab es auf dieser Reise ohnehin nicht. Für Reiner Calmund, den Manager von Bayer Leverkusen, ist "die Sache in 14 Tagen wieder vergessen. Wenn der Körper nicht voll ist, ist auch die Rübe nicht voll. Dann passieren eben Dinge wie hier." Wahrscheinlich auch solche wie im Dezember 1998, als sich alle Bundesligisten auf Vorschlags Franz Beckenbauers für die Reise nach Mexiko entschieden. Ein schlechtes Gewissen hat Calmund deshalb nicht. "Bei Siegen halten wir auch die Fahne hoch, also können wir uns jetzt nicht aus der Verantwortung stehlen. Wir sind mit im Boot gesessen, aber wir hätten auch nicht den Knüppel rausholen können."Natürlich wollen auch die Vereine der Bundesliga die Weltmeisterschaft 2006 in ihren eigenen Stadien beherbergen. Ihre maroden Stadien können sie kaum günstiger modernisieren als mit den im Falle eines WM-Zuschlags fließenden öffentlichen Mitteln. Es geht um neue Infrastrukturen, Promotionen und viel Geld.Vor allem dieses Argument hat die Bundesligisten trotz schwerwiegender Bedenken dazu bewogen, ihre Stars für den Konföderationen-Cup abzustellen - vorbehaltlich jener Drei-Mann-Regel, die am Ende dafür verantworlich war, dass in Mexiko eine vom Proporzdenken geprägte Nationalmannschaft auflief. Immerhin kamen damit auch Klubs wie Arminia Bielefeld oder Eintracht Frankfurt zu der im gegebenen Fall allerdings zweifelhaften Ehre, einen Nationalspieler zu beschäftigen. Und damit hatten von vornherein alle Beteiligten eine nette Ausrede zur Hand.Teamchef Erich Ribbeck musste sich nachher den Vorwurf gefallen lassen, er hätte seine Spieler stärker reden sollen, als die medizinischen Werte wirklich waren. Insgesamt habe dem Unternehmen der positive Grundgedanke gefehlt. "Und wenn ich nicht positiv denke, dann kann ich auch nichts erreichen", sagt Calmund. "Was wäre denn gewesen, wenn wir weitergekommen wären?", fragt der übergewichtige Bayer-Manager und antwortet sich gleich selbst: "Wir wären mit fünf angeschlagenen Stammspielern nach Mexiko-Stadt gegangen und hätten im ausverkauften Azteken-Stadion in der Mittagshitze vor 100 000 fanatischen Zuschauern ausgerechnet gegen Mexiko antreten müssen. Das ist ungefähr so, also würde man die Spieler durch den Fleischwolf drehen."

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