Sport : Erinnerung an dunkelste Stunden

20 Jahre nach der Katastrophe von Heysel spielt Liverpool wieder gegen Juventus

Vincenzo delle Donne,Raphael Honigstein[Liver]

In England lieben sie die Retrospektive. Nirgends auf der Welt können alte Lokalhelden ihre Erinnerungen in Büchern und bei Galadiners so teuer vermarkten. Nur die Briten geben Unsummen für vergilbte Programmhefte, angestaubte Medaillen und ungewaschene Original-Trikots aus. Sehr viel schwerer tun sich die Engländer mit den dunklen Stellen der Fußballgeschichte. Eine Kultur des Trauerns hat der sich selbst immer noch als Sache für harte Männer definierende Sport nie hervorgebracht. Auch nicht beim FC Liverpool vor dem heutigen Spiel im Viertelfinale der Champions League gegen Juventus Turin – dem ersten Spiel beider Mannschaften gegeneinander seit 20 Jahren, seit der Tragödie von Heysel.

Es ist, als wollten die Liverpooler die dunkelsten Stunden der Vereinsgeschichte ausblenden. Zwar erinnert eine Gedenktafel im Stadion an der Anfield Road an das Unglück von Sheffield, wo 1989 96 Liverpooler Fans zu Tode kamen. Nichts erinnert hier jedoch an die Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion. Das war am 29. Mai 1985, kurz vor dem Finale im Europapokal der Landesmeister. Im Sektor Z des baufälligen Stadions gingen englische Hooligans auf friedliche Juve-Fans los, nachdem sie eine kleine Trennmauer zum Einsturz gebracht hatten. Reflexartig strömten die Fans in dem niederen Sektor zusammen, der dann für 38 Menschen zu einer tödlichen Falle wurde. Der europäische Fußballverband Uefa mochte das Spiel dennoch nicht absagen. Juventus gewann durch einen Elfmeter von Michel Platini mit 1:0. „Wir hätten besser daran getan, alle sofort nach Hause zu gehen“, sagt Liverpools damaliger Kapitän Phil Neal heute.

20 Jahre später: „Diesmal wird es ein echtes Fußballspiel sein“, sagt Liverpools Präsident David Moores. Unter dem Motto „memoria e amicizia“, Gedenken und Freundschaft, soll um Vergebung und für eine bessere Zukunft geworben werden. Italienische Fans werden Armbändchen bekommen, auf denen „friendship“ und „amicizia“ zu lesen ist, und eine Broschüre über Heysel. „We are sorry. You’ll never walk alone“, steht auf der letzten Seite.

Otello Lorentini verlor einen Sohn in Brüssel. „Roberto war ein Doktor“, sagt er, „er wollte einem kleinen Jungen helfen und kam dadurch selber um.“ Für den 80 Jahre alten Vorsitzenden des Bunds der Familien der Heysel-Opfer aus Arezzo sind die Aktionen vor dem Spiel nur „schnöde Gesten“. Er kritisiert, dass beide Vereine 20 Jahre lang „unverständlicherweise geschwiegen“ haben und nur jetzt, da es in der Champions League um kommerzielle Interessen geht, den Opfern gedenken. „You’ll never walk alone? Mein Sohn läuft seit 20 Jahren nicht mehr, er liegt begraben in der Erde“, sagt Lorentini. Er fordert seit langem ein Freundschaftsspiel, „außerhalb eines Wettbewerbs und frei von kommerziellen Erwägungen“. Im Sommer soll es möglicherweise dazu kommen.

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