Sport : Erlaubte Blicke

Langsam orientiert sich der FC Energie Cottbus in der Zweiten Liga wieder nach oben

Karsten Doneck[Cottbus]

Vor dem Haus der Kammer der Technik kündigt ein Transparent in roten Buchstaben eine Sommerparty an. An der Litfaßsäule nebenan werben bunte Plakate für ein Reggae-Festival im August. Dicht daneben, am Imbisswagen, werden – völkerverbindend – China-Pfanne und Döner verkauft. Nur: Beachtung finden solche Angebote kaum. In der City von Cottbus sind an diesem Freitagnachmittag nur wenige Menschen anzutreffen. Es ist drückend heiß, die Stadt scheint wie gelähmt.

Am frühen Abend wird das Unterhaltungsprogramm rustikaler. Die Fußballer des FC Energie haben im Stadion der Freundschaft Werder Bremen zu Gast. Cottbus und Bremen waren fußballerisch einmal Klassenkameraden: in der Bundesliga, drei Jahre lang. Es waren Jubeljahre in der Lausitz, jedes Heimspiel ein Volksfest. Die Zeiten sind vorbei. Energie ist vor zwei Jahren abgestiegen und hat sich im vorigen Jahr nur dank des um einen Treffer besseren Torverhältnisses gegenüber Eintracht Trier noch in der Zweiten Liga gehalten. Am 6. August beginnt die nächste Saison.

Der FC Energie schlägt den SV Werder im Testspiel 2:1 (0:0). „Wir dürfen uns durch solche kurzfristigen Erfolge nicht blenden lassen, wir wollen eine langfristige Entwicklung“, beeilt sich Trainer Petrik Sander nachher zu sagen. 6200 Zuschauer sind gekommen, trotz der Hitze. Viele von ihnen werden abends auf dem Heimweg nass bis auf die Haut. Ein heftiger Gewitterregen geht kurz nach Spielende über Cottbus nieder. Der Ärger darüber hält sich in Grenzen. Weil die Menschen, die dabei waren, eine Überzeugung mitgenommen haben: Es geht wieder aufwärts mit dem FC Energie, endlich. „Es muss auf dem Platz wieder vernünftig Fußball gespielt werden, wie sich das für Cottbuser gehört“, fordert Christian Beeck. Unter vernünftigem Fußball versteht Beeck das, was er als Verteidiger bei Energie mustergültig jahrelang selbst verkörperte, ehe er jetzt seine Profikarriere beendete. FC Energie – das steht nun mal nicht für filigrane Ballkünste. Das ist hemdsärmelige Arbeit in kurzen Hosen: Kampf, Einsatz, Härte. Wie gegen Bremen. Mancher Pressschlag, bevorzugt von Cottbuser Spielern gesucht, erzielte dabei eine Wucht, dass Sorge bestand, zwischen den Füßen der Kontrahenten könnte auch mal alle Luft aus dem Ball entweichen.

Energie hat sich zur neuen Saison respektabel verstärkt. Dworrak aus Mainz, Aidoo aus Nürnberg, Kioyo von 1860 München, McKenna von Heart of Midlothian – das sind vielversprechende Namen. „Ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen“, sagt Petrik Sander. Ihm war bei der Auswahl der Neuen nicht nur das individuelle fußballerische Können wichtig, er wollte „auch hinter die Fassade gucken, wie es menschlich bei denen aussieht“. Deshalb führte er mit den Kandidaten endlose Telefongespräche. Seine telefonischen Bemühungen brachten unangenehme Folgen mit sich. „Meine Handyrechnung sieht jetzt dementsprechend aus“, mault Sander.

Über die Zielsetzung in Cottbus sind sich alle einig. Zumindest in einem Punkt. Bloß nicht dem Größenwahn anheimfallen, heißt die Devise. Das „obere Mittelfeld der Tabelle“ peilt Präsident Michael Stein an, um dann zu ergänzen: „Auch der Blick nach ganz oben ist natürlich erlaubt.“ Stürmer Steffen Baumgart, der nach einer Verletzung frühestens Mitte August wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann, spricht davon, man müsse sich jetzt erstmal „stabilisieren und etablieren“. Die völlig verkorkste vorige Saison hat Spuren hinterlassen.

Finanziell hat sich die Situation des FC Energie entspannt. Auch, weil die Sparkasse Spree-Neiße mit dem im Verwaltungsrat sitzenden Ulrich Lepsch die schlimmsten Löcher gestopft hat. Plötzlich öffneten sich Geldschränke, zu denen das abgelöste Präsidium um Dieter Krein offenbar keinen Zugang hatte. Mit 4,5 Millionen Euro stand Energie in der Kreide. Die darin enthaltene Etatunterdeckung von 1,5 Millionen ist beglichen. Der Haushalt für die neue Saison umfasst wieder 9,6 Millionen Euro. Wegen der Transferaktivitäten mussten die Zahlen keineswegs korrigiert werden. „Wir haben uns im Rahmen unseres Budgets bewegt“, sagt Michael Stein.

Und selbst Youssef Mokhtari hat seinen Frieden mit Energie geschlossen. Der Marokkaner wollte weg aus Cottbus – trotz eines Vertrags bis 2007. Er berief sich auf eine mündliche Freigabezusage des ehemaligen Präsidenten Krein. Die neuen Verantwortlichen schalteten auf stur. „Mokhtari ist unverkäuflich“, stellte Stein klar. „Wer einen Vertrag abschließt, der kann nicht plötzlich irgendwelchen Launen nachgeben.“ Dieser harte Kurs ist neu beim FC Energie. „Wir hatten schon andere Spieler, die von uns die Freigabe erpresst haben. Früher hat das Präsidium dem zu leicht nachgegeben. Das funktioniert jetzt nicht mehr“, sagt Ronny Gersch, Sprecher der Cottbuser. Mokhtari schoss gegen Werder beide Tore. Die Energie-Fans haben ihn nun wieder lieb. Bei der Saisoneröffnungsfeier hatten sie Mokhtari auf einem Transparent als „Verräter“ beschimpft. Einig, Energie!

Und auch deshalb reifen in diesem Sommer in Cottbus wieder Träume auf bessere Fußball-Zeiten. Wo man Gegner wie Werder Bremen nicht nur zu einem Testspiel empfängt. Sommerparty und Reggae in Cottbus schön und gut – das größte Spektakel soll wieder der FC Energie veranstalten können.

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