Sport : Erlösung nach fünf Stunden

Nicolas Kiefer kämpft sich bei den Australian Open in das erste Grand-Slam-Halbfinale seiner Karriere

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Am Ende reichte die Kraft noch für einen letzten Gefühlsausbruch. „Ja, ja, ja“, schrie Nicolas Kiefer. Es hätte auch „endlich, endlich, endlich“ rufen können. Denn bei seinem 35. Grand-Slam-Turnier erreichte er erstmals das Halbfinale – nach zwölf Jahren als Profi. Im bisher längsten Match dieser Australian Open schlug der Deutsche den Franzosen Sebastien Grosjean 6:3, 0:6, 6:4, 6:7 (1:7), 8:6. Der Gegner im ersten Halbfinale seiner langen Karriere ist am Freitag Roger Federer. Der Turnierfavorit aus der Schweiz war bei seinem Viertelfinalsieg gegen den Russen Nikolai Dawidenko merkwürdig indisponiert und musste im dritten Satz sechs Satzbälle abwehren.

Mit seinen Jubelschreien war Kiefers Energievorrat zunächst erschöpft. „Ich bin tierisch platt, mir tut alles weh“, stöhnte der 28 Jahre alte Niedersachse. Bei dem Match in der Rod-Laver-Arena, die sich in den 4:48 Stunden auf mehr als 30 Grad im Schatten aufgeheizt hatte, suchten beide Akteure immer wieder am Ende des Centre Courts ein paar Sekunden Schatten. Kiefer nahm sogar einmal auf einem Linienrichterstuhl Platz. Ihm hingen die Haare nass und strähnig ins Gesicht, wenn er seine Kappe abnahm. Grosjean hatte rote Flecken um Mund und Nase. Beide litten sichtlich.

Das schier unendliche Spiel könnte ein Symbol für Kiefers Karriere werden, in der es bislang neben einigen Höhepunkten schon viele herzzerreißende Niederlagen gegeben hat. Am bewegendsten dabei war sicher das Doppelfinale mit Rainer Schüttler bei den Olympischen Spielen in Athen, als Kiefer nach vier vergebenen Matchbällen bittere Tränen weinte. Außerdem hatten ihn immer wieder Verletzungen zurückgeworfen.

Gestern wechselten sich bei Kiefer gefühlvolle Lobs und Stopps regelmäßig mit unerklärlichen Fehlern ab. Grosjean ging es kaum anders, zeitweise dominierte er mit seiner gewaltigen Vorhand das Geschehen, um sich im nächsten Moment beschämende Aussetzer zu leisten. Die knapp 15 000 Zuschauer sahen ein stets spannendes, aber nur selten hochklassiges Match. Im ersten Satz war Kiefer stärker, Grosjean kassierte einen Aufschlagverlust zum 2:4, die Fans auf den Rängen nahmen es gleichmütig hin. Im zweiten Durchgang ließ Kiefer sich von einem Schiedsrichterfehler aus dem Konzept bringen, fiel 0:2 zurück und machte fast keinen Punkt mehr. Kaum herrschte der Eindruck vor, dass es wohl nicht Kiefers Tag sei, führte dieser wieder 3:0 im dritten Satz, nur um den Vorsprung erneut zu gefährden. Kiefer leistete sich einen Aufschlagverlust nach dem anderen, bis er endlich seine Chance nutzte. Aber das war nur der Auftakt zum bisher spannendsten Satz des diesjährigen Turniers.

Zwei Mal fiel Kiefer nach Aufschlagverlusten zurück, zwei Mal kämpfte er sich wieder heran. Der Ausgleich zum 4:4 gelang ihm mit einem Netzroller, der unerreichbar für Grosjean ins Feld tropfte. Kiefer entschuldigte sich zunächst nach Tennissitte, bevor er einen dankbaren Blick zum Himmel schickte. Vier Spiele später kam es zu einer Szene, die die Gemüter erhitzte. Grosjean stürmte ans Netz, Kiefer sah schon den Ball weit entfernt an sich vorübersegeln und warf seinen Schläger in die erwartete Flugbahn. Grosjean aber setzte den Ball ins Netz – und beschwerte sich bitter, dass ihn Kiefers Aktion irritiert habe. Das bizarre Ereignis hatte glücklicherweise keinen Einfluss auf das Ergebnis, das Kiefer zwei Spiele später sicherstellte.

Nach dem Spiel freute sich Kiefer über die Art seines Sieges. „Ich habe zwar nicht gut gespielt, und mein Aufschlag hat nicht geklappt, aber durch Kämpfen habe ich gewonnen.“ Überhaupt käme es fast einem Wunder gleich, dass er noch dabei sei, vor allem wenn er an die zwei abgewehrten Matchbälle im Auftaktmatch und die ständigen Probleme mit seinem lädierten Fuß denke. Sogar Federer hatte Kiefer schon als ausgeschieden gewähnt, bis er ihn zur eigenen Überraschung ein paar Tage später auf der Anlage traf. „Ich freue mich für ihn“, sagt der Schweizer, der nun auf Kiefer trifft. Diese Möglichkeit hat sich der Deutsche entgegen vieler Erwartungen erkämpft.

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