• Eröffnungsfeier: "Bloß nicht übertrumpfen" - eine Herausforderung für London 2012

Eröffnungsfeier : "Bloß nicht übertrumpfen" - eine Herausforderung für London 2012

Wie die britische Presse das Spektakel von Peking kommentiert.

Christian Tretbar[London]

Für die „Times" ist es erst mal wichtig festzustellen, dass China nicht schwul ist. Es sei ja zu befürchten gewesen, weil ständig von der „Coming Out"-Party gesprochen worden sei im Vorfeld der Eröffnungsfeier. Was Briten so für witzig halten... Für die Londoner Zeitung war die gigantische Pekinger Show auch eine Art Offenbarung. Dafür, dass China ein 21 Milliarden Pfund teurer Propaganda-Coup gelungen ist, der von Millionen Menschen bezahlt werden musste – ungefragt. Die Zeitung erinnert daran, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen bei 3000 Pfund (rund 4500 Euro) liege. Aber der Kommentator beruhigt seine Leser schnell, schließlich sei das schon immer so gewesen, auch Stalin und Fidel Castro hätten Unsummen in den Sport als Propaganda-Vehikel gepumpt.

Vielleicht ist diese Kritik der Briten aber auch nur ein Ventil, um Druck abzulassen, der seit der gestrigen Eröffnungsshow auf ihnen lastet. Immerhin werden die nächsten Olympischen Spiele 2012 in London ausgetragen und es war als hörte man im ganzen Land ein tiefes Durchatmen nach der Feier. Eines, das sowohl Erleichterung darüber war, dass der Bombast zu Ende war, als auch die Anspannung, wie London nun damit umgehen sollte. „Bloß nicht übertrumpfen", ist der einhellige Tenor.

Schon während der Live-Übertragung des Spektakels warnten die BBC-Kommentatoren davor, dass London diese Gigantomanie kopiert. So eine Show könne nur „die größte Diktatur der Welt" auf die Beine stellen, konstatiert das Boulevardblatt "The Sun". Hier müsse sich niemand fragen, wo das Geld herkommt und wie stark es den nächsten Staatshaushalt belastet. London dürfe erst gar  nicht versuchen, mit Peking gleichzuziehen.

Auch der seriösere "Guardian", für den die Show eine Mischung als Hollywood und Albert  Speer war, ist sich sicher, dass es schwer wird für London, diesen olympischen Einstand zu toppen. Klar sei, dass London einerseits seinen Enthusiasmus aber auch seine kritische Sensibilität wahren muss, um die Spiele ähnlich erfolgreich zu starten. Schließlich sei es egal, ob die Spiele in Peking oder London statt finden, immer müsse es eine Balance geben zwischen Idealismus und ökonomischen Interessen. „Und nur die Naiven glauben, dass die Idealisten die Oberhand im Internationalen Olympischen Komitee haben", schreibt der Guardian. London müsse dieses Gleichgewicht wieder herstellen und warnt davor, mit Steinen zu werfen, wenn man selbst im Glashaus sitze. Es gehe immer auch um Nationalismus und nationalen Stolz. „Nicht nur in China. Auch die britische Regierung hat 265 Millionen Pfund investiert in die Athleten und erwartet nun mindestens 35 Medaillen, deshalb sollte auch Großbritannien nicht zu viele Steine werfen". London solle die Spiele sehr genau beobachten und zu der Erkenntnis kommen, dass es besser wäre den Erfolg nicht nur kommerziell zu bewerten oder in Medaillen, sondern auch Menschenrechte, Ökologie und Offenheit wieder stärker herausstreichen.

Etwas, dass auch der "Evening Standard", die große Londoner Lokalzeitung, fordert. „Londons Spiele müssen drei Elemente beinhalten: Understatement, Reinheit und Demokratie. Wir müssen Athleten und Zuschauer wieder näher zusammenbringen", schreibt die Zeitung. Außerdem dürfe London nicht die Angst haben wie Atlanta zu enden: als Zweitbester nach Barcelona, was für viele die schönsten Spiele gewesen seien. Doch sieht die Zeitung die Gefahr, dass sich noch nicht alle mit dem Paradigmenwechsel angefreundet haben. „Es gibt noch genug, die das IOC-Modell auf dem billigen Weg erfüllen wollen." London müsse lernen, nicht nur von Peking auch von Barcelona, indem es weniger Geld in Sportstätten investiert, sondern mehr in die Stadt. „In Peking ist das Vogelnest der Star, in London muss es die Stadt sein." Deshalb rät der Evening Standard, Zeremonien und gigantische Spiele wie diese könne nur eine Diktatur organisieren, London müsse britischer werden. „Wir sind besser, indem wir zurückhaltender sind".

Ein bisschen was könne London von China aber doch lernen: Organisation. „China hat in kurzer Zeit vier neue Metro-Linien gebaut, in derselben Zeit würden die Londoner U-Bahn-Betreiber vielleicht einen Lift repariert bekommen."

Siehe dazu auch: London Blogging: "Olympia runterschrammeln."

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