Eröffnungsfeier : Vom Flüchtling zum Fahnenträger

Der Leichtathlet Lopez Lomong bringt mit der amerikanischen Flagge auch das Thema Darfur zu den Olympischen Spielen. Der gebürtige Sudanese führt das US-Team bei der Eröffnungsfeier ins Stadion.

Benedikt Voigt[Peking]
Lomong
Vorneweg. Lopez Lomong wird das Star Spangled Banner tragen.Foto: AFP

Noch am Mittwoch hatte die chinesische Regierung versucht, das Thema Darfur von den Olympischen Spielen fernzuhalten. Die chinesische Botschaft in den USA verweigerte dem Darfur-Aktivisten und Turiner Goldmedaillengewinner im Eisschnelllaufen, Joey Cheek, das Visum für seine Einreise nach China. Ohne Angabe von Gründen, 24 Stunden vor seinem geplanten Abflug. Trotzdem wird die Konfliktregion bei diesen Spielen präsent sein, sogar auf äußerst spektakuläre Weise: Das Thema Darfur wird vor 90 000 Zuschauern im Stadion und rund vier Milliarden Fernsehzuschauern durch das Marathontor bei der Eröffnungsfeier in das Nationalstadion von Peking einmarschieren. Mit der US-amerikanischen Fahne in der Hand.

Die Mannschaftskapitäne des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC) haben den sudanesischen Flüchtling Lopez Lomong zu ihrem Fahnenträger gewählt. Der eingebürgerte 1500-Meter-Läufer erfuhr es beim Abendessen in seinem Hotel. „Das ist der schönste Tag in meinem Leben“, sagte er, „die amerikanische Flagge bedeutet alles für mich, sie ist alles, was mich beschreibt.“ Der 23 Jahre alte Leichtathlet ist ein Opfer des Konflikts zwischen arabischen Milizen, die von der sudanesischen Regierung unterstützt werden, und schwarzafrikanischen Stämmen in Darfur. China hilft der sudanesischen Regierung als wichtigster Öl-Käufer und Waffenlieferant. Über zwei Millionen Menschen sollen durch den Konflikt vertrieben worden sein. Lopez Lomong ist einer von ihnen.

Mit sechs Jahren wurde er von Milizen aus einer Kirche entführt und in ein Militärcamp gesperrt. Er sollte Kindersoldat werden, doch gemeinsam mit drei älteren Kindern gelang ihm die Flucht. Sie krochen durch ein Loch im Stacheldraht in die Freiheit, liefen drei Tage lang orientierungslos umher. Zeitweise mussten die Älteren den Jungen auf ihrem Rücken tragen. In Kenia wurden sie schließlich von der Polizei aufgegriffen und in ein Flüchtlingscamp eingewiesen. Dieses existiert heute noch.

Das Camp, in dem es oft nur eine Mahlzeit am Tag gab, sollte seine Heimat für die nächsten zehn Jahre werden. „Wir hatten nichts in dem Camp, jeden Tag haben wir Fußball gespielt oder sind gelaufen.“ Hier begann seine Leidenschaft für die Olympischen Spiele. Er lief acht Kilometer, um auf einem Schwarzweiß-Fernseher die Übertragung der Spiele von Sydney zu verfolgen. Als er Michael Johnson über 400 Meter siegen sah, dachte er: „Ich möchte auch gerne wie dieser Kerl rennen.“

Sein Schicksal wendete sich, als er von einer katholischen Flüchtlingshilfsorganisation namens „Die verlorenen Söhne des Sudan“ hörte, die 3500 Waisenkinder in die USA vermittelte. In einem Essay beschrieb er, was er machen würde, wenn er ausgewählt werden würde – und er bekam die Chance. Eine Pflegefamilie in Tully, New York, nahm sich seiner und zwei weiterer Flüchtlingskinder an. Die örtliche High School entdeckte sein Talent für die Mittelstrecke. 2007 erhielt Lopez Lomong die US-Staatsbürgerschaft.

Lopez Lomong engagiert sich in der US-amerikanischen Sportlerbewegung „Team Darfur“, das die Aufmerksamkeit auf diesen Konflikt lenken möchte. Er versucht, mit seiner Karriere ein Vorbild für die Kinder im Sudan und in den Flüchtlingscamps sein. „Ich sorge mich um die Kinder, die in Darfur und Südsudan sterben“, sagt er, „diese Kinder haben nicht den Traum, dass sie olympische Athleten oder Arzt werden könnten.“ Er könnte diesen Traum wecken. Und an die Adresse der Regierungen Sudans und Chinas gerichtet, erklärt er: „Als Athleten müssen wir die Botschaft an die Regierung senden, nicht zu töten oder zu bomben, und an China, die Waffenlieferungen zu stoppen, weil diese Waffen nicht das Land verteidigen, sondern unschuldige Menschen töten“, schreibt er auf seiner Homepage. „Das ist das 21. Jahrhundert, wir wollen keine Kinder sehen, die wie ich in Flüchtlingscamps aufwachsen.“ Das ist die Botschaft, die er mit der amerikanischen Flagge ins Pekinger Nationalstadion trägt.

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