Sport : Ersatzspektakel in Sinsheim

Fernab der deutschen Spiele hält sich die Begeisterung in Grenzen – eine Reise zwischen Augsburg und Dresden, bei einsamen Wirten und brasilianischen Afrikanern

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Unter falscher Flagge. Dieser Fan hat zum Spiel zwischen Japan und Neuseeland die falschen Devotionalien mitgebracht.
Unter falscher Flagge. Dieser Fan hat zum Spiel zwischen Japan und Neuseeland die falschen Devotionalien mitgebracht.Foto: AFP

Über den Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball ist in den vergangenen Tagen viel geredet worden. Offiziell immer freundlich und anerkennend, hinter vorgehaltener Hand auch mal gehässig und abwertend. Das Vorurteil vom geringen Grad der Professionalisierung der Frauen hat in der ersten Turnierwoche ausgerechnet ein Mann bestätigt. Neuseelands Trainer John Herdman, dessen Mannschaft in Bochum gegen Japan einige Mühe mit der Witterung hatte und der deshalb zur Entschuldigung anführt: „Konnte ja keiner ahnen, dass es hier so warm wird.“

Wie bitte? Noch nie etwas vom Sommermärchen gehört? Von Franz Beckenbauer und seiner an Steffi Jones vererbten Fähigkeit, die Sonne auf Bestellung an den Himmel zu zaubern? Wer zu einer Weltmeisterschaft nach Deutschland kommt und überrascht wird vom schönen Wetter, der hat sich nicht professionell vorbereitet. Neuseeland hat das bezahlt mit einer 1:2-Niederlage gegen Japan, da kann John Herdman seinen Spielerinnen an der Seitenlinie noch so viele Wasserflaschen reichen.

In der öffentlichen Wahrnehmung mag die Sonne seit fünf Tagen nur für die deutsche Mannschaft scheinen. Doch sie scheint auch in Bochum und Augsburg, in Dresden und Leverkusen.

Und in Sinsheim. Die gar nicht so wenigen Zuschauer tragen hier in ihrer überwiegenden Mehrheit schwarz-weiße Trikots. In Gedanken sind viele in Berlin, bei den schwarz-weißen Heldinnen. Als Ersatzspektakel wird in Sinsheim Frankreich gegen Nigeria gegeben.

Die beste Französin hat einen nordafrikanischen Migrationshintergrund, sie heißt Louisa Necib und marschiert nach dem mit 1:0 gewonnenen Spiel erst einmal zu einer auf dem Rasen sitzenden Nigerianerin. Wahrscheinlich eine Freundin ... Mais non, Louisa Necib sagt: „Ich kenne eigentlich keine von den Nigerianerinnen, aber sie haben so großartig gespielt, das musste ich ihnen einfach mitteilen.“ 22 Freundinnen sollt ihr sein.

Nach dem Spiel, in der Gastwirtschaft am Bahnhof. Der Wirt hat in Beamer und Großleinwand investiert. Public Viewing zum WM-Auftakt. Nach zwanzig Minuten vervierfacht sich die Besucherzahl im Saal – auf vier. Und das auch nur, weil dem Flammkuchen ein so guter Ruf vorauseilt.

Fernab der deutschen Mannschaft tut sich die WM noch ein bisschen schwer, auch und erst recht am nächsten Tag in Bochum. Das Ruhrgebiet ist kein gutes Pflaster für den Frauenfußball, hier bevorzugt man die kernige Variante des Spiels, hart und roh und unverfälscht. Mal abgesehen von der Duisburger Enklave spielt der Frauenfußball an der Ruhr keine Rolle. Gut 10 000 Zuschauer kommen am Nachmittag zum Spiel ins Ruhrstadion. Sie sehen ein Spiel auf bescheidenem Niveau, aber der offensichtlich von der Fifa instruierte Stadionsprecher jazzt es hoch zu einem Supersuperclasico. Einen Tag später in Dresden empfinden es die lokalen Kommentatoren schon als Kompliment, dass die Zuschauer im Rudolf-Harbig-Stadion nicht rufen: „Dynamo, Dynamo!“

Das hätte sich leicht interpretieren lassen als historisch bewährte Solidaritätsadresse für die KDVR, wie Nordkorea nach seiner amtlichen Bezeichnung „Koreanisch Demokratische Volksrepublik“ im DDR-Deutsch hieß.

Nach der 0:2-Niederlage gegen die USA redet Nordkoreas Trainer wirr von Blitzen, die seiner Elf die Kraft geraubt hätten. Nachfragen an die vom Blitz Getroffenen bleiben erfolglos, weil sie nicht zur Kenntnis genommen werden. Immerhin kommen die Gäste aus Nordkorea wie verabredet zum Bankett. Auch die Grünen-Chefin Claudia Roth ist dabei, sie freut sich, dass die Nordkoreaner eine offizielle Einladung an die Amerikanerinnen aussprechen. Eine Antwort ist noch nicht bekannt.

Zum Abschluss des ersten Vorrundenspieltages gastiert die WM in Augsburg. Hier und da wehen ein paar Fahnen, ansonsten wenig zu sehen vom internationalen Flair. Das neue Augsburger Stadion liegt weitab vom Zentrum auf der Wiese an einer viel befahrenen Bundesstraße.

Im Publikum geben ohrenbetäubend laut brüllende Kinder den Ton an, Norwegen spielt gegen Äquatorialguinea. Kein Team lebt den internationalen Gedanken so sehr wie der WM-Neuling aus Westafrika. Die Äquatorialguineerinnen sind genau genommen keine Äquatorialguineerinnen, sondern eine aus diversen afrikanischen Ländern verstärkte brasilianische Mannschaft. „Aber alle diese Frauen haben einen Bezug zu diesem Land“, sagt ihr Trainer, er heißt Marcelo Frigerio und kommt aus Brasilien.

Anders als Kollege Herdman erwähnt Frigerio die Hitze im Stadion mit keinem Wort. Wer vom Äquator kommt, empfindet die 30 Grad im Augsburger Schatten als angenehm kühl.

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