Sport : Erst Bouletten, dann Chelsea

Werder pflegt den Charme der Provinz und will trotzdem mehr Europa sehen

Steffen Hudemann[Bremen]

Jürgen Born ist ein weit gereister Mann. Wer den Geschäftsführer von Werder Bremen auf seinem Mobiltelefon anruft, erwischt ihn oftmals auf den Flughäfen von Sao Paulo oder Lima, wo er zu seinem Flugzeug für die Weiterreise nach Tokio eilt. Wenn er doch einmal in der Heimat Bremen ist, erzählt Born Anekdoten aus der großen weiten Welt des Fußballs, zum Beispiel über seinen Freund Laporta. Joan Laporta ist Präsident des FC Barcelona. Beim letzten Treffen berichtete der Spanier dem Bremer Kollegen wieder einmal von seinen Visionen. Wie Laporta Barcelona zum „Vatikan des Weltfußballs“ machen wolle. Dass Fußballfans künftig nach Barcelona pilgern sollen wie Katholiken nach Rom, zum Stadion Camp Nou als Petersdom des Sports.

Born gibt solche Geschichten gern zum Besten, um zu zeigen, dass Werder Bremen dazugehört zum Weltfußball. Am Tag, als Jürgen Born von Barcelona erzählt, steht er auf einer Veranstaltung, die ein anderes Gesicht des Klubs zeigt. Der SV Werder hat zur Mitgliederversammlung geladen, nicht in ein Konferenzhotel, sondern in eine zur Hälfte abgeteilte Mehrzweckturnhalle. Die Wand ist mit grün-weißen Girlanden geschmückt, es gibt Kaffee, Bier und Bouletten mit Senf für die rund 200 erschienenen Mitglieder, und bevor Born den Geschäftsbericht der als Kapitalgesellschaft ausgegliederten Profiabteilung vorstellt, geht es um Sanitäranlagen, Rollstuhlrampen und Ehrungen für verdiente Korb- und Prellballer. Säßen da nicht Klaus Allofs, Thomas Schaaf, Willi Lemke und andere bekannte Gesichter, man könnte das Ganze für eine Jahreshauptversammlung eines Dorfklubs halten. An diesem Abend, zwei Tage vor dem großen Spiel gegen den FC Chelsea (heute 20.45 Uhr auf Premiere), erscheint Werder von Barcelona und London so weit weg wie die evangelische Kirche Buxtehude vom Vatikan. „Diese Atmosphäre ist schon außergewöhnlich“, bestätigt Sportdirektor Allofs. „Da bin ich aus meinen früheren Vereinen Köln oder Düsseldorf anderes gewöhnt.“ Dennoch sei das Familiäre nur ein Aspekt Werder Bremens. „Es soll nicht zu unserem Markenzeichen werden.“

Schließlich ist der Klub dabei, sich in Europa einen Namen zu machen. In der Champions League hat Werder alle Chancen, in der sogenannten Todesgruppe zu überleben. Mit einem Sieg gegen Chelsea und einem – unwahrscheinlichen – Unentschieden oder gar einer Niederlage Barcelonas in Sofia wären die Bremer vorzeitig fürs Achtelfinale qualifiziert. In Betracht der Ausgangslage wäre das eine Sensation. Zwar ist Werder wirtschaftlich gesund, hat keine Schulden und erneut Gewinn gemacht, rund drei Millionen Euro. Dennoch ist der Jahresumsatz von 77,4 Millionen winzig im Vergleich mit Bayern, Barcelona oder Chelsea.

Ihr Vorbild in Europa haben die Bremer woanders gefunden. Es heißt Olympique Lyon. „Lyon hat die Zutaten zum Erfolg gefunden, die man benötigt, wenn man nicht die Möglichkeiten von Real Madrid oder Chelsea hat“, sagt Allofs. Das heißt: Kein Geld ausgeben, das man nicht hat; durch eine führende Position im nationalen Fußball eine dauerhafte Teilnahme an der Champions League sicherstellen; und Spieler für entsprechendes Geld abgeben, aber nur, wenn man die nationale Spitzenposition nicht gefährdet. Die Franzosen haben so fünf Meistertitel in Folge erreicht und gelten als Geheimfavorit auf den Gewinn der Champions League. Zwar habe Lyon größere Wirtschaftskraft hinter sich, sagt Allofs. „Dennoch gibt es Parallelen. Auch sie hatten früher keine derart führende Rolle, haben aber in den letzten Jahren stark an Beliebtheit und Respekt gewonnen.“

„Wir schielen natürlich nach Lyon“, sagt auch Born, der diese Strategie als „organisches Wachstum“ umschreibt. Nicht zu Unrecht. Denn das Biobauer-Prinzip gilt auch in den Heiligtümern des Fußballs als vorbildlich. Als Frank Rijkaard, der Trainer des FC Barcelona, nach dem Spiel gegen Chelsea gefragt wurde, wer die beste Mannschaft Europas sei, Barcelona oder Chelsea, antwortete er: „Zurzeit ist das Olympique Lyon.“

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