Sport : Erst sammeln, dann jagen

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Von Christoph Daum

Wie in Wirtschaft und Politik ist auch die Welt des Sports transparenter geworden. Informationen sind überall verfügbar und austauschbar. Wir beobachten den Afrika-Cup genauso wie die Qualifikationsspiele in Asien und Südamerika. Die meisten Nationalspieler sind ohnehin bei europäischen Vereinen unter Vertrag.

Doch wie bereitet sich ein Trainer auf Mannschaften wie Südkorea, Japan und China, auf Costa Rica, Paraguay und Saudi-Arabien, auf Ekuador und Mexiko vor? Aus diesen Ländern findet man nur selten Spieler in Europa. Aber alle gut organisierten Fußballverbände verfügen über ein lückenloses Videoarchiv: Auf Knopfdruck stehen den Trainern alle Spiele des Gegners der vergangenen 24 Monate zur Verfügung. Sobald feststeht, auf welche Mannschaften das eigene Team bei einem Turnier trifft, werden alle Daten der Gegner erfasst. Jeder Trainer nutzt außerdem seine internationalen Kontakte, um sein Bild abzurunden. Berücksichtigt werden auch die taktischen Vorlieben der Kollegen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, aus dieser Informationsflut Rückschlüsse für die eigene Mannschaft, für das eigene Spiel zu ziehen. Franz Beckenbauer war ein Meister der Analyse.

Manche berücksichtigen bei der Vorbereitung sogar den Stand der Sonne im Stadion. Man will sich von nichts überraschen lassen. Für die Testspiele vor einem Turnier werden Mannschaften gesucht, die den späteren Gegnern von der Spielweise möglichst nahe kommen. Aber bei den Gesprächen mit der Mannschaft lässt ein guter Trainer nur die wirklich notwendigen Informationen einfließen. Wo liegen die Schwachpunkte, wo sind die Stärken des Gegners?

Soweit die Theorie, nun zur Praxis: Wir bereiten uns auf das Spiel gegen Kamerun vor, unseren nächsten Gegner bei der WM. Fast alle Kameruner Spieler kennen wir von ihren europäischen Vereinen, bis hin zum Torwart, der in der Türkei spielt. Wir haben Eto’o von Real Mallorca gegen Schalke 04 spielen sehen und von Bernd Krauss, seinem früheren Trainer, noch ein paar Infos bekommen. Wir analysieren alle Spiele des Afrika-Cups und achten dabei, ganz wichtig, auch auf die Einwechselspieler. Zwei Scouts haben alle Testspiele Kameruns beobachtet, und in der Szene unbekannte Fachleute wurden beauftragt, unauffällig das Training aufzunehmen und ein aktuelles Leistungsprofil eines jeden Spielers zu erstellen. Jetzt werten wir mit unseren engeren Mitarbeitern dieses umfangreiche Wissen aus und reduzieren es auf die wirklich wichtigen Punkte.

Nun zeigen wir der Mannschaft Möglichkeiten, mit dem Gegner fertig zu werden. Ganz wichtig: verschiedene Möglichkeiten. Bloß nicht auf einen starren Plan festlegen! Das kann schief gehen. Denn trotz einer optimalen Vorbereitung wird kein Spiel an der Tafel, im Training oder bei einer Besprechung gewonnen. Entscheidend ist, ob die eigenen Spieler in die beim Gegner festgestellten Schwachstellen auch vorstoßen können - praktisch, nicht nur theoretisch.

Der Fußballlehrer Christoph Daum analysiert an dieser Stelle täglich die WM.

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