Sport : "Erst sind die Tschechen dran!"

Claus Vetter

Mit dem Jahresgehalt eines Jaromir Jagr ließe sich in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) locker eine Mannschaft für die Meisterschaft erkaufen. Der Tscheche verdient in der nordamerikanischen Profiliga NHL pro Saison bei den Washington Capitals elf Millionen Dollar - das ist mehr als der Saisonetat vom Deutschen Meister Adler Mannheim ausmacht. Nur ein Zahlenvergleich, aber einer der verdeutlicht, dass die Deutschen am Sonnabend, im ersten Spiel der Endrunde des olympischen Turniers von Salt Lake City, gegen die von Jagr angeführten Tschechen Außenseiter sind. Mitunter sogar einer mit Ehrfurcht. Verteidiger Dennis Seidenberg aus Mannheim etwa freut sich auf das Spiel, weil er da alle seine Vorbilder auf dem Eis treffe.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Die Historie der Spiele gegen die Tschechen bietet aus deutscher Sicht nicht nur Unerfreuliches bietet. In Tschechien ist Eishockey Volkssport, der größere Nachbar aber hat den Tschechen häufig die Tour vermasselt. So etwa Ende der Achtzigerjahre, als das starre Machtgefüge der Eishockey-Welt ins Wanken kam. Bis dahin gewann fast immer die Sowjetunion. Für die wenigen Ausnahen sorgte die Tschechoslowakei. Zwei Mal in den Siebzigerjahren und 1985 konnten die Tschechoslowaken der UdSSR den W-Titel wegschnappen. Eine Goldmedaille bei Olympia aber blieb der CSSR damals verwehrt. 1988 in Calgary gab es berechtigte Hoffnungen, aber damit hatte es sich schon nach dem Auftaktmatch erledigt. Der Spielverderber hieß Peter Schiller, Stürmer des Mannheimer ERC, der das Tor zum 2:1-Sieg für die Deutschen schoss. In der Endabrechung von Calgary landeten die sichtlich getroffenen Tschechen auf Platz sechs, einen Rang hinter (!) Deutschland.

Schon 1986 hatten die Deutschen der Tschechoslowakei 1986 bei der Weltmeisterschaft von Moskau mit einem 4:3 gegen die CSSR dafür gesorgt, dass der Titelverteidiger in die Abstiegsrunde musste. Ein nicht minder traumatisches Erlebnis bescherten die Deutschen im August 1996 Jagr und Co. im Olympia-Eisstadion zu Garmisch: In der Qualifikation zum World Cup, einem einmalig als Nachfolger des Kanada-Cups abgehaltenen Turnier, wurde Tschechien mit 7:1 gedemütigt. Schließlich flogen die Deutschen und nicht der Favorit zur Endrunde nach Kanada. Und bei der WM 2001 konnten sich die Deutschen als einziges Team damit rühmen, nicht gegen Weltmeister verloren zu haben: Das 2:2 in der Kölnarena vom April 2001 war auch die jüngste Begegnung beider Mannschaften.

Natürlich spricht Sonnabend trotzdem alles für die Tschechen, die mit dem ehemaligen Frankfurter Robert Reichel und Jiri Dopita (früher EHC Eisbären) auch zwei Spieler im Aufgebot haben, die schon in der DEL ihr Geld verdienten. Anlass zu zarter Hoffnung auf eine Sensation bietet den Deutschen, dass seit Mittwoch mit Marco Sturm von den San Jose Sharks, Jochen Hecht (Edmonton Oilers) und Olaf Kölzig (Washington Capitals) im Aufgebot sind. Der Kölner Verteidiger Mirco Lüdemann ist ebenfalls in Salt Lake City gelandet und ersetzt seinen Klubkolelgen Jörg Mayr, der sich beim 3:0 gegen die Slowakei verletzt hatte. Der Augsburger Andreas Morczinietz und Torhüter Robert Müller (Mannheim) wurden wegen der Verstärkung von Bundestrainer Hans Zach aus dem Kader gestrichen.

Die Vorfreude darauf, im Konzert der NHL-Stars mitzukringeln, ist bei den Deutschen groß. Und so weit ist es mit der Ehrfurcht vor den Millionären dann doch nicht her, auch nicht bei Dennis Seidenberg. Der fiebert zwar vor allem dem Duell am Sonntag mit Kanada entgegen. "Aber erst sind die Tschechen dran!"

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