Sport : Erste Bundesliga: Lästern mit Methode

Von Franz Beckenbauer wissen wir, dass er immer mal wieder Sätze sagt, die er besser nicht gesagt hätte. Doch solche Sätze nimmt ihm kaum noch einer ernsthaft übel. Der Franz eben. In einem früheren Anfall von Gedankenlosigkeit bezeichnete der Präsident des FC Bayern München seinen Stellvertreter Karl-Heinz Rummenigge mal als Außenminister, was natürlich Blödsinn ist. Der FC Bayern ist zwar wer, aber Rummenigge daher noch lange kein Minister, schon gar kein Außenminister, nur weil er sich um die internationalen Geschäfte des Vereins kümmert, fließend italienisch spricht und als Sprecher der G 14 fungiert, dem Zusammenschluss 14 renommierter Vereine Europas.

Außenminister hört sich zwar schön an, wird sich Rummenigge gedacht haben, aber irgendwann wolle er auch mal den Innenminister mimen. Also sagte er mal was, wofür beim FC Bayern neben Beckenbauer sonst nur Manager Uli Hoeneß zuständig ist. Vor dem heutigen Spitzenduell der Bundesliga zwischen Borussia Dortmund und Bayern München sagte also Rummenigge: "Die Dortmunder haben uns letzte Saison nicht mal geschlagen, als wir nur zu neunt auf dem Platz standen. Warum also sollten sie das gegen elf Bayern schaffen?"

Es gehört nicht viel Vorstellungsvermögen dazu, um zu erahnen, dass sie in Dortmund solche Dinge so gern nicht hören. Dennoch reagierte die Borussia erstaunlich gelassen. Vielleicht, weil es sich ein Tabellenführer mit vier Siegen ohne Gegentor aus vier Spielen leisten kann. Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc sagte: "Es freut mich, dass die Bayern sich stark mit uns beschäftigen. Dies zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Sie können gerne verbal in die Offensive gehen, wir holen das auf dem Platz nach."

Es steht viel auf dem Spiel. Das ist immer so, wenn Borussia Dortmund und Bayern München aufeinandertreffen. Zorc hat sich als Spieler jahrelang mit den Bayern auf dem Rasen duelliert. Er weiß, wie sie funktionieren. Wenn es bei ihnen nicht rund läuft, lästern die Bayern gerne über den Gegner. Für die Bayern geht es um sehr viel. Fünf Punkte Rückstand hat der Titelverteidiger auf Dortmund. Acht Punkte Rückstand, das wäre dann sehr früh in der Saison ein sehr tiefes Loch, "dann müsste viel passieren, um diesen Vorsprung aufzuholen. Es würde ganz schwer." Das sagte Beckenbauer. So viel Realitätsnähe überrascht.

Die Bayern wollen nicht verlieren, und sie werden nicht verlieren, sagen sie jedenfalls. Als Beweis erinnert Rummenigge an das Skandalspiel vom April, gerade weil die Münchner es nur mit neun Spielern beendeten. Beim 1:1 sah Stefan Effenberg Rot und Bixente Lizarazu Gelb-Rot. Auch der Dortmunder Evanilson wurde des Feldes verwiesen. Zudem wurden zehn Gelbe Karten verteilt. "Das war eines unserer besten Spiele", sagt Thomas Linke. Wenn das immer so wäre, glaubt der Münchner Verteidiger, "sind wir eigentlich unschlagbar".

Seit Saisonbeginn ist bei den Bayern der Wurm drin. "Die Mannschaft muss mehr tun", fordert Beckenbauer, es fehle die letzte Konsequenz. Auch Oliver Kahn hat einen gewissen Hang zur Bequemlichkeit ausgemacht: Wenn der FC Bayern in Dortmund wieder mal unkonzentriert zu Werke gehe, "kann das böse enden". Dass dazu eine gewisse Aggressivität auch gegenüber dem Gegner unerlässlich ist, hält der Nationaltorhüter trotz der Vorkommnisse beim letzten Aufeinandertreffen für selbstverständlich. "Fußball ist ein Kampfsport", betont Kahn.

Doch die Bayern sind sich ihrer Sache diesmal nicht so sicher. Kapitän Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Jens Jeremies sind verletzt. Ihre südamerikanischen Nationalspieler Giovane Elber, Claudio Pizarro und Roque Santa Cruz trafen erst kurzfristig vor dem Spiel ein. Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld lässt keine Ausreden gelten. Ungeachtet seiner großen Wertschätzung für Tomas Rosicky wird er keinen Sonderbewacher für den Spielmacher der Borussia abstellen. "Wir werden versuchen, unser Spiel in der Zone aufzubauen. Wir müssen in der Defensive kompakt stehen, um dem Künstler nicht Platz zum Zaubern zu lassen", sagte Hitzfeld gestern. "Wir wollen den Rückstand von fünf Punkten verringern", denn sonst "bräuchten wir Monate, um wieder an die Spitze zu kommen". Und der FC Bayern womöglich noch einen Krisenminister.

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