Sport : Erste Heimat Sehnsucht

Der Hurrikan brachte Albas Hollis Price Glück

Benedikt Voigt

Berlin - Im Erdgeschoss sind die Fotos von den Wänden gefallen, die Basketball-Trophäen liegen neben seinem Universitätsdiplom im Schlamm. „Nicht so schlimm“, sagt Hollis Price, „ich habe mir nie viel daraus gemacht, das war meiner Großmutter wichtiger, sie hat alles über mich gesammelt.“ Den Aufbauspieler des Bundesligisten Alba Berlin interessiert eher, wie seine Möbel den Hurrikan Katrina überstanden haben, der sein Haus in New Orleans am 29. August verwüstet hat. Er ahnt allerdings, dass nicht viel zu holen sein wird. „Das ganze Erdgeschoss war überflutet.“ In der Woche nach Weihnachten wird er erstmals in sein zerstörtes Haus zurückkehren.

Zuvor muss Hollis Price allerdings mit Alba Berlin noch das heutige Bundesligaspiel bei den Artland Dragons (19.30 Uhr) absolvieren. Danach wird er eine Woche Sonderurlaub nutzen, um mit den Großeltern Weihnachten zu feiern und sein überflutetes Haus in New Orleans zu besuchen. Unmittelbar nach der Katastrophe hatte er sich in Berlin auf die Saison vorbereiten müssen. Von seinem ersten Besuch im zerstörten Haus erwartet er nicht viel, seine Großeltern waren bereits zweimal vor Ort und hatten erzählt, dass es nicht viel zu retten gebe. Price sagt: „Ich will mich nur umsehen.“

Der Hurrikan hat dem in New Orleans geborenen Basketballprofi nicht so sehr geschadet wie anderen. „Ich kenne einige, die Familienmitglieder verloren haben“, sagt Price. Er flüchtete zu einem Freund nach Atlanta, seine Großeltern retteten sich nach Houston. Dort haben ihnen Spender aus Oklahoma, wo er zu seiner Collegezeit gespielt hat, ein neues Haus finanziert. „Das ist viel besser als das alte in New Orleans“, sagt Price. Seine eigene Zukunft sieht er ebenfalls in Houston, er glaubt, dass seine Versicherung für den Schaden aufkommen wird. Er sagt: „Katrina hat uns Glück gebracht, der Hurrikan hat unser Leben verbessert.“ Zwei Sätze, die nur zu verstehen sind, wenn man die Umstände kennt, in denen er aufgewachsen ist.

Seine erste Heimat hieß „Desire“ – Sehnsucht – und ist längst abgerissen. Es war ein berüchtigtes Wohnprojekt in New Orleans, das traurige Berühmtheit durch seine Prostituierten, Junkies und Schießereien erlangt hat. „Ich habe viele schlimme Dinge gesehen, die passiert sind“, sagt Hollis Price. Seine Mutter zählt zu den Süchtigen, immer wieder landete sie wegen Drogendelikten im Gefängnis. Gegenwärtig sitzt sie wieder ein, Price hat seit Weihnachten 2004 nichts mehr von ihr gehört. Sein Vater hatte die Familie verlassen, als Hollis zehn Jahre alt war. Aufgewachsen ist er bei seinen Großeltern.

George Carraby, 65, und Ann Dennis, 63, sind die wichtigsten Personen in seinem Leben. „Meine Großeltern haben mir Disziplin beigebracht“, erzählt er, „sie haben mich aus allem rausgehalten.“ So musste er immer erst Hausaufgaben machen, bevor er zum Basketballspielen raus durfte. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, musste in der engen Wohnung auf einer Couch schlafen. Seine Großmutter versuchte mit zwei Jobs, die Familie zu ernähren. Bei seiner Ankunft auf der High School St. Augustine wog er nur 56 Kilogramm. Diese Schule war umstritten, weil Eltern ihr Einverständnis geben mussten, dass Schüler mit einem Schläger bestraft werden dürfen. „Ich bin für vieles geschlagen worden“, hat Price einmal gegenüber „espn.com“ erzählt.

Vielleicht erklärt diese Kindheit, warum er Katrina und den schweren Unfall seines Teamkollegen Matej Mamic äußerlich gut verkraftet hat. Price sagt: „Ich habe solche Situationen schon öfters erlebt, allerdings noch nie auf dem Basketballfeld.“ Der Unfall seines Kapitäns hat ihn nur in seinem Lebensmotto bestärkt: „Sei dankbar für jeden Tag, an dem du lebst.“ Ein Satz, der aus seinem Mund tiefe Bedeutung erlangt.

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