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Erster US-Open-Sieg : Murray bezwingt Djokovic

Nach fünf Sätzen und fast fünf Stunden endlich am Ziel: Andy Murray gewinnt gegen Novak Djokovic die US Open und damit seinen ersten Grand-Slam-Titel. Großbritannien feiert seinen ersten Tennis-Champion seit 76 Jahren.

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Im Finale bezwang Federer den Lokalmatadoren Andy Murray, der seinerseits aber wiederum das olympische Endspiel gegen Federer für sich entschied und im September dann auch endlich den ersten Grand-Slam-Titel für Großbritannien seit über 70 Jahren mit seinem Sieg bei den US Open holte.
Im Finale bezwang Federer den Lokalmatadoren Andy Murray, der seinerseits aber wiederum das olympische Endspiel gegen Federer für...Foto: AFP

Als der Return von Novak Djokovic hinter der Grundlinie auftrumpfte, ließ Andy Murray seinen Schläger fallen und sank zusammen. So niedergekniet ballte er im stillen Triumph beide Hände zu Fäusten, während ihn die ersten Tränen übermannten. Vier Stunden und 54 Minuten hatte es gedauert, bis er im Finale der US Open mit 7:6, 7:5, 2:6, 3:6 und 6:2 seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann. Doch eigentlich hatte Murray schon sein ganzes Leben lang auf diesen einen Moment gewartet. Nun war die Warterei vorbei, auch für Großbritannien. Nach 76 Jahren hat die Insel wieder einen Tennis-Champion.
„Ich bin so froh und erleichtert, dass ich es geschafft habe“, sagte Murray später, „und ich hoffe, jetzt stellt mir niemand mehr diese dämliche Frage nach Fred Perry.“ Der letzte britische Sieger, der fast schon wie ein verfluchter Geist über den nächsten Generationen von heimischen Tennisspielern schwebte, ist also endlich in die Geschichtsbücher und auf Polohemden entschwunden. Der Moment unter dem Flutlicht im Arthur-Ashe-Stadium gehörte nur noch Andy Murray, dem Schotten aus Dunblane. Er wischte die Tränen weg und schaute hinüber zu seiner Box, wo sich seine Mutter Judy und Freundin Kim selig mit seinem Fitnesstrainer und dem Physiotherapeuten in den Armen lagen. Der ehemalige Bond-Darsteller Sir Sean Connery tänzelte sogar vor Freude. Sein Trainer, Ivan Lendl, stand dagegen stoisch da. Er reckte kurz den Daumen hoch und klatschte Murray dreimal zu. Für den gebürtigen Tschechen kam das einem Gefühlsausbruch gleich.
Bei der Siegerehrung verzog Lendl dann aber doch ein wenig die Mundwinkel und Murray kommentierte trocken: „Das war ja fast ein Lächeln, Ivan...“ Obwohl es dem 52-Jährigen schwer fiel, es zu zeigen, so wusste Murray dennoch, wie stolz er auf ihn war. Die Chemie zwischen ihnen stimmt, sie haben beide den gleichen schwarzen Humor und freuen sich lieber nach innen als nach außen. „Ich habe wohl schon etwas zu viel von Ivan gelernt. Tut mir leid“, entgegnete er süffisant auf die Frage, warum Murray eigentlich aussähe, als habe er verloren. Lendl und er wirken wie Seelenverwandte. Sie teilten das gleiche Schicksal, sie hatten beide ihre ersten vier Grand-Slam-Finals verloren, doch Lendl gewann danach noch acht Titel. „Ich wollte nicht der sein, der zum ersten Mal fünf Finals verliert“, meinte Murray.


Lendl hatte an ihn geglaubt, ihn bestärkt, ihm in den letzten Monaten viel zugeredet. Und Murray hatte ihm zugehört. Besonders, als er vor acht Wochen im Wimbledonfinale unterlag. „Ein paar Tage lang habe ich mich gefragt, ob ich jemals einen Grand-Slam-Titel gewinnen würde“, erinnert sich Murray. Lendl vertraute fest darauf, und nach dem Gewinn der olympischen Goldmedaille zweifelte auch Murray nicht mehr. Eine Menge Druck war weg, und New York schien seine große Chance zu sein. Ohne den verletzten Rafael Nadal und Roger Federer, der im Viertelfinale ausschied, fehlten die beiden dominierenden Spieler dieser Ära. Blieb noch Djokovic, der vier der letzten sieben Grand-Slams gewonnen hatte. Mit einem Kraftakt rang Murray die Nummer zwei der Welt nieder, und dass er dabei alles aus seinem Körper herausgequetscht hatte, zeigte sich nach dem Match, als Murray in etwa so unrund lief, wie der 82-jährige Connery die Treppen hinauf.
Es waren schwierige Bedingungen gewesen, und lange Zeit hatte das Spiel durch die extremen Windböen auch wenig mit Tennis zu tun gehabt. Beide mussten ihre Aufschlagbewegung und ihre Ball-Antizipation anpassen, kein leichtes Unterfangen. Murray gelang es eigentlich besser, doch er war nervös. Ein epischer Tiebreak von 24 Minuten, der längste der US-Open-Geschichte, entschied den ersten Durchgang. Murray preschte danach mit 4:0 vor, ließ Djokovic zwar noch zum 5:5 herankommen, doch ihm gelang das Break. Zweieinhalb Stunden hatten die beiden Defensivspezialisten da schon gespielt, mit Ballwechseln von bis zu 54 Schlägen.
Denn keiner übernahm die Initiative, beide warteten meist auf den Fehler des anderen. Dennoch drehte Djokovic nach dem 0:2-Rückstand plötzlich auf, glich in den Sätzen aus. Und als die 23.000 Zuschauer schon fürchteten, Murrays Traum würde auf den letzten Metern zerplatzen, fand er seine Sicherheit wieder. Er wollte diesen Sieg unbedingt. Djokovic ging dafür merklich die Puste aus, ihm steckten drei Spieltage in Folge in den Knochen. So blieb dem entthronten Titelverteidiger nichts, als Murray zu gratulieren: „Andy, du hast dir deinen ersten Grand Slam wirklich verdient.“ Und wie aufs Stichwort tönten Dudelsackklänge aus den Lautsprechern der Arena.

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