Erstmals in der Startelf : Ronny: Herthas Pralinchen

Wie sich das schlampige Fußballtalent Ronny für Hertha BSC und die die Zweite Liga in Form brachte und gegen Ingolstadt jetzt erstmals von Beginn an dabei war.

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Mein Freund, der Ball. Herthas Brasilianer Ronny verfügt über viel Talent, nur mit der Fitness tut er sich schwer.
Mein Freund, der Ball. Herthas Brasilianer Ronny verfügt über viel Talent, nur mit der Fitness tut er sich schwer.Foto: Jürgen Engler

Berlin - Als das große wie schlampige Boxtalent Ralf Rocchigiani im fortgeschrittenen Alter dann doch noch Weltmeister geworden war, sagte der ein Jahr ältere Bruder von Graciano Rocchigiani zur Erklärung nur einen Satz: „Ich habe es einfach mal mit Training probiert.“ Eine ganz ähnliche Geschichte spielt sich derzeit bei Hertha BSC ab. Die Hauptrolle spielt hierbei das große wie schlampige Fußballtalent Ronny Heberson Furtado de Araujo, der Einfachheit halber nur Ronny genannt.

War es nun mehr ein Japsen oder ein Glucksen? Wahrscheinlich war es ein Gemisch aus beidem am Samstag im Olympiastadion. Durch Ronnys Sprache zog sich Erschöpfung, seine Augen aber erzählten etwas von Zufriedenheit, ja von Glück. Ronny, das ist der ein Jahr jüngere Bruder von Herthas Spielmacher Raffael, der das Berliner Publikum auf ungewöhnliche Art verzückt. Schon nach seiner Ankunft in Berlin hatte jeder gesehen, dass Ronny kicken kann, es aber nicht auf den Rasen brachte, weil er schwer übergewichtig und konditionslos war. Das war einmal. Gegen Ingolstadt, im zehnten Saisonspiel des Zweitligisten, absolvierte der 24-jährige Fußballer sein erstes Spiel in Herthas Startelf.

Es ist viel diskutiert worden, warum so ein Abstieg für Hertha auch ganz gut sein kann. Ein Grund ist Ronny. Ohne Abstieg und der einhergehenden Runderneuerung des Spielerkaders wäre einer wie er nie und nimmer in Berlin gelandet. Als Bundesligist hätte man das übergewichtige Fußball-Pralinchen dem Publikum nicht anbieten können. Aber das wäre nun wirklich schade gewesen.

Im Fußball ist es ja so, dass sich das Publikum seine Lieblinge ganz allein aussucht. Es folgt mitunter merkwürdigen bis komischen Kriterien. Wie sonst hätten Spieler wie Robert Huth, Yves Eigenrauch oder Jürgen Kohler zu Fußballgöttern werden können? Allen dreien ist gemein, dass sie das Fußballspielen zumindest nicht in die Wiege gelegt bekamen. Vermutlich ist es gerade das Unvollkommene, das so anziehend wirkt. Ein gewisses Handicap, das die Zuschauer mitfühlen lässt. Bei Ronny waren es nicht ungeschickte Füße, sondern das fürchterliche Übergewicht, das er über Wochen mit sich schleppte. „Er hat besondere Qualitäten“, sagt Markus Babbel. Herthas Trainer war es, der sich im Sommer für einen Transfer des früheren brasilianischen U-17-Weltmeisters nach Berlin ausgesprochen hatte. Auch Babbel hatte nicht übersehen, dass Ronny in einer slapstickhaften, körperlichen Verfassung war, wie sie sonst nur Herthas Maskottchen vorzuweisen hat. Von seinem früheren Klub, Sporting Lissabon, war er nach Leiria ausgeliehen worden, wo er auch nicht zum Zuge kam. Schließlich landete Ronny entnervt und aufgedunsen bei Hertha. Er kickte ohne jede Dynamik, nur aus dem Stand. Ronny musste umdenken – und abkochen. „Uns war klar, dass er uns nicht kurzfristig würden helfen können, aber er kann kicken, er kann ein Spiel verstehen – das ist eine Gabe“, sagt Babbel. Den Rest könne man sich erarbeiten.

Ronny bringt fußballerisch alles mit, findet Babbel. Er verfüge über tolle Technik, sei ballsicher und könne exzellente Standards schießen. So ist er Träger eines albernen Weltrekords. In einem Spiel vor vier Jahren soll er den Ball mal mit einer Geschwindigkeit von 210 Stundenkilometern geschossen haben. Beeindruckender für seine Berliner Mitspieler sei gewesen, wie hart und geduldig er an sich gearbeitet hat. „Er muss noch einiges tun, damit er ein Spiel über 90 Minuten mit Tempo gehen kann“, sagt Babbel. 82 Minuten waren es gegen Ingolstadt, mit tollen Momenten, aber auch Phasen, in denen er den Kopf in den Nacken gelegt hatte. Er sei noch lange nicht bei hundert Prozent, auch weil ihm durchgespielte Spiele fehlen. „Ich will mich anbieten, dann muss sich der Trainer den Kopf zerbrechen und seine Auswahl treffen“, sagte Ronny und lächelte. Montag ist trainingsfrei.

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