Sport : Erwachsen in acht Stunden

Amelie Kober entwickelt sich zum deutschen Gesicht des Snowboardens

Benedikt Voigt

Berlin - Vielleicht ist die Snowboarderin Amelie Kober auf einem russischen Flughafen erwachsen geworden. „Ich saß dort acht Stunden lang fest“, berichtet die 18-Jährige auf ihrer Internetseite, „niemand konnte mich verstehen, ich musste alleine den Weiterflug organisieren.“ Acht Stunden, in denen sie fürs Leben viel gelernt hat. „Kann schon sein, dass man durch so etwas erwachsener wird“, sagt Amelie Kober.

Es gibt noch einen anderen Termin, der ihren Reifeprozess stark beschleunigt hat: Vor elf Monaten hat die Snowboarderin Amelie Kober bei den Olympischen Spielen von Turin die Olympische Silbermedaille im Parallel-Riesenslalom gewonnen. „Seitdem ist sie eine ganze Ecke selbstbewusster geworden“, sagt Timm Stade, Sportdirektor beim Snowboard-Verband Deutschland (DSV). Zwar werden Teenager in diesem Alter ohnehin schnell erwachsener, „aber bei ihr ist das explosionsartig verlaufen“, sagt Stade. Ihrer sportlichen Form hat der Erfolg auch gut getan. „Sie hat sich im Vergleich zur Vorsaison leicht gesteigert“, sagt Stade. Bei der Snowboard-Weltmeisterschaft in Arosa ruhen daher auf ihr die größten Hoffnungen. „Sie könnte durchaus zwei Medaillen holen“, sagt Stade. Am Dienstag startet sie im Parallelslalom, am Mittwoch im Parallel-Riesenslalom.

So hoffnungsfroh wie ihr Sportdirektor will Amelie Kober nicht sein. „Ich habe Ziele für die WM, aber die behalte ich für mich“, sagt Kober. Sie ist in Deutschland zum Gesicht des Snowboards geworden. Bei der Fernsehsendung „Menschen 2006“ durfte sie neben Prominenten wie dem Pianisten Lang Lang oder Franz Beckenbauer auftreten. „Ich nehme das als Lebensschule“, sagt Amelie Kober. Der Bundespräsident überreichte ihr das Silberne Lorbeerblatt, im Münchner Hotel Bayerischer Hof erhielt sie die Auszeichnung „Juniorsportler des Jahres 2006“.

Das neue Selbstbewusstsein der Amelie Kober hat Stade zuletzt im Herbst kennengelernt. Sie beschwerte sich bei ihm, dass die Freestyler ein Trainingslager in Neuseeland absolvieren dürfen – während sie selber verzweifelt in den Alpen nach Schnee suchen musste. „Ich habe ihr erklärt, dass sie nicht das komplette Bild über die Finanzen des Verbandes hat“, sagt Stade. Der Anruf aber kam nicht überraschend. Amelie Kober sagt: „Ich interessiere mich eben dafür, wie die Dinge funktionieren.“

Die Snowboardszene ist geteilt. Einige Freestyle-Fahrer denken wie David Benedek, der den Parallelslalom einst als Peinlichkeit bezeichnet hat. Snowboard, so behaupten manche, bestehe aus den Freestyle-Disziplinen Big Air oder Halfpipe. Amelie Kober sieht das anders, natürlich. „Ich mache Leistungssport auf höchstem Niveau, ich habe Trainingswerte wie die alpinen Skifahrer.“ Im Gegensatz zu den Freestylern sei ihre Sportart leichter zu bewerten und für das breite Publikum leicht zu verstehen: Wer nach dem zweiten Lauf als Erster im Ziel ist, hat gewonnen. „Im Freestyle wird noch der Style bewertet, das ist sehr subjektiv“, sagt sie.

Weil sie sich auf den Leistungssport konzentrieren wollte, ist sie vom Skigymnasium Berchtesgaden abgegangen und begann eine Ausbildung als Polizeimeisterin. Inzwischen interessiert sie sich auch für andere Berufe. Amelie Kober hat noch lange nicht ausgelernt.

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