Sport : Es bleibt wackelig

Zum Start in die WM-Saison erreicht die deutsche Nationalmannschaft nur ein 3:3 gegen Paraguay.

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Wo ist die Abwehr? Der deutsche Nationaltowart Manuel Neuer stellte sich diese Frage gestern Abend gleich mehrere Male. Gegen Paraguay taten sich vor ihm große Lücken auf, sodass er gleich drei Mal hinter sich fassen musste. Er allein war jeweils machtlos. Foto: dpa
Wo ist die Abwehr? Der deutsche Nationaltowart Manuel Neuer stellte sich diese Frage gestern Abend gleich mehrere Male. Gegen...Foto: dpa

Ganz zum Schluss hätte es beinahe doch noch geklappt. Nach Philipp Lahms Flanke plumpste der Ball auf den Fuß von André Schürrle, aber der schoss nicht ins Tor, sondern ein paar Meter weit über die Latte, in den Block zu den ratlosen Fans auf dem Kaiserslauterer Betzenberg. So verstrich auch diese letzte Gelegenheit, den deutschen Start in die Saison vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zumindest aus statistischer Sicht zu einem Erfolg zu machen. An der eigentlichen Ernüchterung hätte das nichts geändert. 47 500 Zuschauer im Fritz-Walter-Stadion bekamen zwar sechs Tore sehen, aber nicht gerade in der erwarteten Aufteilung. Das 3:3 (2:3) gegen Paraguay bestätigte den schon länger anhaltenden Trend, dass diese deutsche Nationalmannschaft immer für Tore gut ist. Hinten wie vorn.

Es war ein seltsames Spiel mit einem seltsamen Verlauf, der sich nur phasenweise nach den Vorstellungen der Deutschen gestaltete. Die Paraguayos dachten nämlich keineswegs daran, sich in die ihnen zugewiesene Rolle als Sparringspartner mit südamerikanischem Fußballhintergrund zu fügen. Sie verzichteten auf technischen Firlefanz und reduzierten ihr Spiel auf minimalistische Anforderungen. Pass, Schuss, Tor. Und das funktionierte sehr schnell sehr gut.

Vitor Ayalas Pass fand seinen Weg zwischen den beiden vergeblich um Abstimmung bemühten Innenverteidigern Mats Hummels und Per Mertesacker vorbei auf José Ariel Nuñez, der nicht lange überlegte und den Ball an Manuel Neuer vorbei ins Tor drosch. Noch schlechter sahen die Deutschen beim 0:2 aus, es fiel nur vier Minuten später. Neuer hat Bälle schon mal besser weggeboxt, als er das bei einer Flanke des früheren Münchners Roque Santa Cruz tat. Der Ball fiel auf den Fuß von Sami Khedira, der das Spiel wohl schnell machen wollte, dabei aber den neben ihm laufenden Wilson Pittoni übersehen hatte. Dessen Volleyschuss schlug flach in der linken Ecke des deutschen Tores ein, und spätestens jetzt war es ganz ruhig auf dem Betzenberg.

Allein Joachim Löw mochte sich nicht in die allgemeine Schockstarre fügen, und vielleicht trug auch dieser für den Bundestrainer eher ungewöhnliche Wutausbruch bei zu einem zwischenzeitlichen Umschwung. Denn die Deutschen bestätigten in Kaiserslautern nicht nur das ihnen anhaftende Vorurteil der suboptimalen Abwehrarbeit. Sie zeigten auch, dass sie mit ihrer Kreativität und individuellen Klasse immer gut sind für Tore. Das erste gelang Ilkay Gündogan mit einem schönen Drehschuss nach schneller Ballstafette über Mesut Özil und und Marco Reus. Der Torschütze musste ein paar Minuten später verletzt Platz machen für Lars Bender, aber das fügte der neu erwachten Spielfreude keinen Schaden zu. Logische Konsequenz war nach einer halben Stunde der Ausgleich, Thomas Müller erzielte ihn mit einem der für ihn typischen Schüsse um die eigene Hüfte herum.

Mats Hummels hatte den entscheidenden Pass gespielt. Auch er hinterließ im Spiel nach vorn wieder einen sehr viel besseren Eindruck als in seiner Kerndisziplin des Toreverhinderns. Einen weiteren Beleg dafür lieferten er und seine Kollegen in der Nachspielzeit dieser verrückten ersten Hälfte. Auf der rechten Seite lief Roque Santa Cruz dem Dortmunder Marcel Schmelzer davon, dessen Klubkollege Hummels kam im Zentrum einen Schritt zu spät und konnte Miguel Samudio nicht am erfolgreichen Torschuss hindern. Alle Aufbauarbeit war erst einmal wieder dahin.

Zur zweiten Halbzeit nahm Löw den schwerfälligen Per Mertesacker vom Platz und stellte Jerome Boateng neben Hummels ins Abwehrzentrum. Der in Kaiserslautern groß gewordene Miroslav Klose arbeitete noch ein paar Minuten an dem Projekt, endlich sein 68. Länderspieltor zu erzielen und so mit dem Münchner Gerd Müller gleichzuziehen. Es kam nichts Gescheites mehr heraus, und Klose machte Platz für Mario Gomez. Der spielt seit ein paar Wochen in Florenz und hätte sich nach Müllers Flanke beinahe mit einem Tor in Deutschland zurückgemeldet, doch sein Kopfball flog genau auf die Fäuste von Paraguays Ersatztorwart Roberto Fernandez. Später kam noch Lukas Podolski für Reus, doch auch dieser Wechsel zeitigte keine Verbesserung des deutschen Angriffsspiels. Der späte Ausgleich durch Lars Bender war nicht Folge eines durchdachten Angriffs, er stand am Ende einer Reihe missglückter Schussversuche und eines missratenen Hackentricks von Gomez.

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