Sport : Es geht auch ohne Weihwasser

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Dirk Steinbach über den WMSieg

von Langläufer Axel Teichmann

Jetzt mal ganz langsam lesen: Ein Deutscher wird Weltmeister im Langlauf. Weltmeister! Endlose 29 Jahre ist es her, als wir mit Gerhard Grimmer den letzten Triumph feiern durften. Nun der Sieg von Axel Teichmann. Eine Erlösung. Denn damit ist endgültig ein Gespenst vertrieben worden. Sein Name: Johann Mühlegg.

Jahrelang nervte der bisher beste deutsche Langläufer mit obskuren Geschichten. Mit aufgerissenen blauen Augen erzählte er von Weihwasser, bösen Geistern und seiner „Gnade“, einer portugiesischen Putzfrau. Wir saßen vor dem Bildschirm und hörten mit einer Mischung aus Belustigung und Mitleid zu. Irgendwann entwickelte Geister-Johann sogar symphatische Züge. Nur ein paar, aber immerhin. Es war bei den vergangenen Olympischen Spielen, als er zwei Goldmedaillen holte. Mühlegg lief zwar mittlerweile für Spanien und redete mit deutschen Journalisten meist nur auf Spanisch. Doch im Moment des Erfolges vergaben wir ihm diese Zicken. Aus Geister-Johann wurde wieder Johann Mühlegg. Denn wir sehnten uns so sehr nach einem Erfolg in dieser Disziplin. Schließlich sind wir ein Volk von Langläufern, durchpflügen jeden Winter zu tausenden die Landschaft auf zwei Brettern.

Umso größer die Enttäuschung, als Mühlegg des Dopings überführt wurde. Eine internationale Verschwörung vermutet er dahinter. Na klar. Seine Mutter Magdalena, eine Bäuerin aus dem bayerischen Grainau, legte erst vor wenigen Tagen nach. Schuld an dem Doping sei nicht ihr Sohn. Natürlich nicht. Vielmehr seien „spiritistische Kräfte“ am Werk gewesen, die den armen Johann „vernichten wollen“. Wer auch sonst? Den Geist Johann, so schien es, werden wir einfach nicht los. Bis gestern.

Axel Teichmann, Typ Bär mit Ziegenbart, schnappte sich seine beiden Bretter und lief. Spielend leicht überholte er alle Favoriten. Wir saßen wieder vor dem Fernseher und staunten. Und fragten uns bange: Ist unser neuer Held womöglich am Ende auch gedopt? Diese Gefahr besteht wohl nicht. Axel Teichmann braucht jedenfalls keinen spiritistischen Beistand, keine „Gnade“ und schon gar kein Weihwasser. Sein einziges Vorbild ist – er selbst. Da bleibt dem Geist Johann nur der Rückzug. Hui Buh!

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