Sport : Es geht nicht mehr, es geht nicht mehr

In Kaiserslautern steht Trainer Gerets bereits in Frage, und Vorstand Jäggi bangt um die Lizenz für die Zweite Liga

Oliver Trust

Kaiserslautern. René C. Jäggi wirkte wie ein Angestellter der Caritas Westpfalz, der seinen Zivildienst mit Kranken und Schwachen ableistet. Behutsam berührte der Chef des 1. FC Kaiserslautern seinen Trainer Erik Gerets am Arm und geleitete ihn in beschaulichem Tempo in die Kabine. Gerets machte kleine, wacklige Schritte und blickte zu Boden – so als müsse er beweisen, dass das Leben nur aus Enttäuschungen besteht. Nach dem 0:2 gegen Bayern München – Michael Ballack und Roque Santa Cruz hatten schon nach einer Viertelstunde für die Entscheidung gesorgt – versinkt der Fußball-Bundesligist in der Depression.

In der Pfalz gibt es nur noch schlechte Nachrichten. Zwischen Vorstand Jäggi und Aufsichtsrat tobt ein Machtkampf. Trainer Gerets spielt mit dem Gedanken, sein Amt abzugeben, und Jäggi sieht die Lizenz für die Zweite Bundesliga in Gefahr. „Herr Gerets hat mir gesagt, wenn die Rettung des Vereins darin besteht, dass man ihn entlässt, muss man ihn halt entlassen", berichtete Jäggi. Kein Verantwortlicher kann mehr übersehen, dass der Frust des belgischen Coaches jeden Tag schlimmer wird. „Er kennt die Gesetze des Marktes. Die Frage ist, kriegt er mehr aus dem Haufen raus als das, was derzeit zu sehen ist“, sagt Jäggi. Die Mannschaft ein Haufen – das ist die neue, harte Sprache in Kaiserslautern. Und der Trainer? „Ein Rauswurf ist für mich kein Thema“, sagt Jäggi. Offiziell steht der Trainer also nicht zur Diskussion. Und inoffiziell?

Aus dem Verein verlautet, der Aufsichtsrat wolle Gerets zum Rücktritt zwingen. Der Belgier soll Altmeister Karl-Heinz Feldkamp als Berater zur Seite gestellt bekommen. Um sein Gesicht zu wahren, bliebe Gerets dann wohl nur der freiwillige Rückzug. Im Verein soll es einen Plan geben, Feldkamp zusammen mit dem ehemaligen Spieler Stefan Kuntz als neues Trainerduo zu installieren, um den Abstieg abzuwenden. „Ich weiß, dass der Aufsichtsrat den Trainer stürzen will", sagte Jäggi am Sonntag in einem Interview mit dem Südwestrundfunk. „Aber das ist mit mir nicht zu machen.“ Aufsichtsrats-Mitglied Hans-Peter Briegel dementierte Pläne, den Trainer zu stürzen: „Das ist gelogen, das ist absolut falsch.“ Dann aber bestätigte Briegel indirekt, dass Feldkamp kommen soll. Jäggi, der noch keinen Vertrag bei den Pfälzern unterschrieben hat („Der Aufsichtsrat prüft den Vertrag noch“), befindet sich im Machtkampf mit dem Aufsichtsrat. Falls Jäggi ihn verliert, will er gehen.

Das würde die Existenzangst, die den ganzen Verein erfasst hat, noch verschlimmern. Banken und Sponsoren hatten dem mit 30 Millionen Euro verschuldeten Klub nur neue Kredite und zusätzliches Geld gewährt, weil sie zu Jäggis Konsolidierungskurs Vertrauen gefasst hatten. Inzwischen musste Jäggi bestätigen, dass der FCK bei einem Abstieg wohl keine Lizenz für die zweite Bundesliga bekommen wird. „Es gibt ein großes Fragezeichen, was die betriebswirtschaftliche Komponente dieses Abstiegs bedeuten würde. Damit ist die Frage nach der Lizenz beantwortet", sagte Jäggi. Zu einem finanziellen Kraftakt wie nach dem Abstieg 1996 sind die Pfälzer nicht mehr in der Lage.

Zudem muss der Tabellenletzte der Bundesliga mit der Bürde leben, dass die Verträge der Spieler für die Zweite Liga gelten – und zwar ohne Ausnahme. Im Gegensatz zur alten Führung unter Jürgen Friedrich stuft Jäggi das Gehaltsniveau als überhöht ein. „Das Gehaltsgefüge ist extrem hoch. Hier muss keiner sein Auto verkaufen, weil wir unten drin stehen.“ Wenn die Bezüge der Spieler gesenkt werden sollen, müssten Anwälte bemüht werden. Derweil deutete Gerets personelle Konsequenzen an. „Ich werde fragen, wer bereit ist, den Weg weiter mitzugehen und wer nicht", sagte der Trainer angesichts des großen Kaders von 29 Profis. „Es kann bald Veränderungen geben.“

Die Kommentare der Spieler offenbaren Ratlosigkeit. Im Team sei die Hierarchie zerbrochen, die ständigen Positionswechsel des Trainers ließen keine konstante Leistung zu. Als Gerets nun gegen die Bayern Mario Basler als Libero aufbot und ihn danach lobte, da schüttelten viele Spieler nur mit dem Kopf. Basler tönte: „Ich bin zufrieden mit meiner Leistung.“ Dabei hatte er Sprints nur hingelegt, wenn er zur Eckfahne rannte, um eine Ecke auszuführen. Ansonsten schlug Basler den Ball planlos aus der Abwehr nach vorne.

Angesichts der wieder einmal schwachen Leistungen ergaben sich selbst die 40 000 Zuschauer in Lethargie: keine Pfiffe, kein Aufbäumen, nicht einmal Spottgesänge gegen die sonst so verhassten Bayern. Am Zaun im Fritz-Walter-Stadion hing am Schluss noch ein einsames Transparent, auf dem stand: „Der Letzte macht das Licht aus." Das würde den mit 30 Millionen Euro verschuldeten Klub in erneute Schwierigkeiten stürzen.

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