Sport : „Es geht um Business, nicht nur um Traditionen“

DFB-Präsident Zwanziger über alte Adidas-Schuhe, lockende Nike-Millionen und den Streit zwischen Bierhoff und Rummenigge

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Herr Zwanziger, in welchen Schuhen haben Sie früher Fußball gespielt?

In Adidas natürlich. Es gab auch Puma, und wir haben in unserer Jugendmannschaft heftig gestritten, welcher Schuh der bessere ist. Das war in den fünfziger Jahren, es gab erste Kunststoffschuhe und Schraubstollen. Ich habe beide Marken probiert, Nike gab es ja noch nicht.

Sie können also einen Spieler verstehen, der sagt: Mir drückt mein Adidas-Schuh?

Bei Sportgeräten ist es doch so: Wenn du dich an eins gewöhnt hast, wechselst du ungern. Wenn man 34 Bundesligaspiele, 10 internationale und 20 Freundschaftsspiele pro Jahr in Nike absolviert, ist es vielleicht psychologisch schwierig, bei fünf Länderspielen in Adidas zu spielen. Da ist sicher Aberglaube dabei, aber natürlich geht es den Spielern auch ums Geld.

Nike hat dem Deutschen Fußball-Bund ein Angebot vorgelegt, ab 2011 als neuer Hauptsponsor 50 Millionen Euro jährlich zu zahlen. Von Adidas bekommen sie derzeit knapp 10 Millionen. Wie schwer fällt Ihnen die Vorstellung, die schwarz-weiße Nationalelf in Nike-Sachen zu sehen?

Ein Wechsel fällt mir sehr schwer, wenn ich unsere bewährte Zusammenarbeit betrachte. Andererseits muss ich in die Zukunft schauen. Wenn es dadurch möglich ist, 1000 Bolzplätze im Jahr zu bauen und damit Kindern und Jugendlichen an der Basis Fußball zu vermitteln, fällt mir ein Wechsel leichter. Natürlich sollte man sich eine Trennung von einem langjährigen Partner dreimal überlegen. Das tun wir mit Adidas. Aber der Partner muss auch die Entwicklung der Zeit sehen und sich entsprechend einbringen.

Haben Sie das auch Adidas-Chef Herbert Hainer erzählt?

Unsere Gespräche sind offen und gut. Herr Hainer konnte lange Zeit damit rechnen, dass der Vertrag mit uns über 2010 hinaus verlängert wird. Weder er noch ich konnten ahnen, dass uns ein Angebot in dieser Größenordnung erreicht.

Nike bietet inklusive Prämien und Frauenfußball-Förderung 500 Millionen Euro.

Es ist sicher ein „Last Minute“-Angebot, aber von einer solchen Dimension, dass ich es nicht wegwerfen kann. Und der Vertrag mit Adidas ist nach unserer Auffassung noch nicht wirksam zustande gekommen. Tradition kann doch nicht bedeuten, dass ich auf mehrere hundert Millionen Euro zu Lasten des Verbandes verzichte. Das wäre verantwortungslos.

Sie haben im Sommer angekündigt, mit Adidas zu verlängern. Ist Ihr Vertrag mit Adidas damit abgeschlossen oder nicht?

Unser von einem neutralen Universitätsprofessor eingeholtes Rechtsgutachten belegt, dass ein Vertrag noch nicht zustande gekommen ist. Herr Hainer kann dies aus seiner Sicht anders sehen. Dann frage ich aber: Warum investiert Adidas nicht in Deutschland? Wenn Nike in Deutschland investieren will, meine ich, Adidas könnte es auch tun. Vielleicht vertraut Adidas zu sehr auf die langjährige Partnerschaft und sagt: Die beim DFB haben wir ja immer im Griff, da können wir lieber mehr Geld in Japan investieren. Aber wenn es wirklich so ist, dass Adidas die japanische Nationalmannschaft mit ähnlichen Beträgen ausstattet wie uns, würde ich mich ungerecht behandelt fühlen. Die langjährige Partnerschaft ist keine Einbahnstraße.

Auf welchen Betrag müsste Adidas erhöhen, damit Tradition den Ausschlag gibt?

Das kann man nicht in Euro und Cent sagen. Es spielen ja auch andere Dinge eine Rolle – „value in kind“, also Sachleistungen. Und es gibt Benefit-Regelungen, also Extrageld, wenn die Nationalmannschaft in ein WM-Halbfinale einzieht. Es geht um Laufzeiten, Projekte im gemeinnützigen Bereich, etwa im Frauenfußball. Die Frage ist: Wie wertvoll ist ein Angebot insgesamt? Manches erinnert mich hier an die Abläufe von Tarifverhandlungen.

Und irgendwann gibt es einen Streik?

Von wem denn?

Von Adidas. Schließlich könnte Adidas die freie Schuhwahl der Nationalspieler wieder infrage stellen. Der hatte der Konzern zugestimmt, weil er davon ausging, dass der Vertrag verlängert wird.

Die Frage der Schuhwahl wird vom Streit um den neuen Vertrag nicht berührt. Das hat ein unabhängiger Gutachter festgestellt. Zur Klarstellung: Die freie Schuhwahl wird von uns keinesfalls zurückgenommen. Dies sind wir den Spielern schuldig, weil es auch in ganz Europa keine andere Regelung mehr gibt.

Wer ist denn mehr überrumpelt worden von Nike: der DFB oder Adidas?

Wir sind nicht überrumpelt worden. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich damit ein Problem bekomme. Zuletzt saß ich mit Bischof Wolfgang Huber und Kardinal Karl Lehmann zusammen und habe sie gefragt: Was würden Sie machen, wenn Sie eine Kirche bauen? Sie sind mit ihrem Bauunternehmer weitgehend einig, aber kurz bevor die Verträge unterschrieben werden, kommt ein anderer und sagt: Ich baue die gleiche Kirche für die Hälfte.

Und was haben Ihnen die Kirchenmänner geraten?

Sie haben mich freundlich angelächelt.

Jetzt hilft Ihnen nur noch beten?

Nein, es geht doch um ein Luxusproblem. Schauen Sie, der DFB würde nie einen Vertragsbruch begehen. Wenn unabhängige Schlichter feststellen sollten, dass die Ansicht von Adidas stimmt und die Vertragsverlängerung wirksam ist, ist der Fall für uns erledigt. Nike hat die Wirksamkeit seines Angebotes davon abhängig gemacht, dass der Vertrag mit Adidas nicht verlängert worden ist. Die wollen in den deutschen Markt, das sieht man an ihren Verhandlungen mit Nationalspielern und mit Werder Bremen. Nike will seine Position in Europa stärken, Adidas hat ja auch viel auf dem amerikanischen Markt unternommen. Hier geht es um großes, weltweites Business, nicht nur um Traditionen. Wenn Adidas von uns erwartet, dass wir die Tradition pflegen, muss die Firma auch die Beziehung zu uns pflegen.

Value in kind, Benefit, Business: Ist der DFB in einer anderen Welt angekommen?

Die andere Welt existiert schon lange. Der wirtschaftliche Geschäftsbetrieb der Nationalmannschaft ist Basis unserer Leistungen an die Basis. Derzeit fördern wir die Landesverbände mit vier Millionen Euro im Jahr, sanieren Sportschulen, unterstützen das Ehrenamt. Aber jetzt können wir einen Quantensprung machen.

Und Herr Zwanziger kann Geld verteilen.

Nein, wir bauen ganz schnell 1000 Bolzplätze. Das sollen Courts werden, die eine Verbindung zwischen Verein und Schule schaffen, auf denen Kinder den ganzen Tag Fußball spielen können. Ein Platz kostet 20 000 Euro. Mit 20 Millionen Euro kann man 1000 Bolzplätze bauen. Das würde ich sofort machen. Dann kehrt der alte Straßenfußball zurück.

Und an jedem Bolzplatz prangt das Wort Nike?

Oder Adidas. So müsste doch der Konzern denken, oder? Adidas denkt bislang sehr stark an die Fernsehplattform Nationalmannschaft. Das ist falsch; die Konsumenten sind doch unten. Mehrere Landesverbände haben zu mir gesagt: Von der Tradition mit Adidas haben wir in den letzten 20 Jahren wenig gespürt. Das ist der Kern für mich: Ich wünsche mir, dass unser Partner Adidas merkt, dass im DFB über die Fernsehplattform hinaus Bedürfnisse vorhanden sind, die er in seinem Sinne nutzen kann. Wenn sich ein großes Unternehmen bei den Themen Mädchenfußball und Integration beweist, kann das nicht schaden. Über den DFB den Schritt dorthin zu machen, wo der Fußball lebt, müsste das Ziel eines Unternehmens sein. Ich spüre, dass das Nike stärker erkennt als Adidas.

Wir lernen: Sie würden zusätzliches Geld nicht wie der FC Bayern aufs Festgeldkonto packen, sondern es ausgeben?

Das ist ja der Auftrag eines gemeinnützigen Verbandes. Der DFB ist keine Bank, hier verschwindet nichts in Geldschränken. Wir sind zwar auch verpflichtet, Rücklagen zu schaffen, aber nur bis zu einer bestimmten Höhe. Diese Grenze haben wir erreicht. Jetzt geht es darum, das Geld nach unten weiterzugeben.

Das gefällt Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge nicht. Er setzt sich lautstark für Adidas ein.

Ich hätte mir von Karl-Heinz Rummenigge gewünscht, dass er mit uns spricht, bevor er in der Öffentlichkeit Forderungen aufstellt. Die Ankündigung, kein Bayern-Spieler werde in der Nationalmannschaft im Nike-Trikot auflaufen, ist völlig überzogen. Und sie bringt eine Stimmung in die Debatte, die unnötig ist. Dahinter steht, das merkt ja jeder, der Versuch von Adidas, ihre Lobbyisten in Stellung zu bringen und Druck auf den DFB auszuüben mit dem wunderbaren Wort Tradition. Ich bewerte die Tradition nüchtern und sachlich und wünsche mir, dass das auch andere tun, die für Adidas sprechen.

Ist Rummenigge ein Lobbyist?

Sicher, ich bin ja auch ein Lobbyist für den DFB. Adidas ist zu zehn Prozent an Bayern beteiligt, da ist es ja begreiflich, dass man sich gegenseitig zu bestimmten Schritten animiert. Ich verstehe, dass die Bayern wollen, dass wir bei Adidas bleiben. Wir werden deshalb Herrn Rummenigge eng über den Verhandlungsverlauf unterrichten und einbinden.

Derzeit blockiert der FC Bayern alles.

Der FC Bayern prägt den deutschen Fußball wesentlich. Der Klub hat das Interesse, international in der Spitzengruppe mitzuspielen. Dafür muss man heutzutage beachtliche Risiken eingehen. Vor dem Hintergrund war sicher auch der Einstieg von Adidas bei den Bayern zu sehen.

Ist es die richtige Strategie von Adidas, nur auf den Einfluss der Bayern zu setzen?

Was soll ich dazu sagen? Adidas bleibt ja nichts anderes übrig, als öffentlich zu suggerieren, dass der Vertrag verlängert wurde und nichts anderes mehr geht. Jetzt werden sie sich intern beraten. Vielleicht kann der FC Bayern dazu beitragen, um diese Frage einvernehmlich zu lösen.

Bisher sieht es nicht so aus. Längst gibt es einen persönlichen Streit zwischen Rummenigge und Oliver Bierhoff, dem Manager der Nationalmannschaft. Stand Herr Bierhoff zu sehr auf Nikes Seite?

Es gab keine Situation, in der Herr Bierhoff zu Lasten von Adidas gehandelt hat.

Er war viele Jahre Repräsentant von Nike und hat sich für die freie Schuhwahl ausgesprochen – gegen Adidas.

Aber der Deutsche und der Österreichische Fußball-Bund waren die Einzigen, bei denen es noch keine freie Schuhwahl für die Spieler gab. Es ist klar, dass das nicht mehr zu halten ist. Damit hat doch Oliver Bierhoff nichts zu tun.

Jetzt hat er Ihnen auch noch das Kuvert gebracht mit dem Nike-Angebot.

Er kam in mein Büro und sagte zu mir: Die Nike-Leute haben mich gebeten, Ihnen das zu bringen, damit es auch persönlich bei Ihnen ankommt. Er hat auch gesagt, dass er die Zahlen des Angebots nicht kenne, man ihm aber gesagt habe, dass es um eine beachtliche Dimension gehe.

Hat Oliver Bierhoff alles richtig gemacht?

Aus meiner Sicht hat Oliver Bierhoff alles richtig gemacht. Wenn er sich als Teammanager der Nationalmannschaft einbringt, kann ich nichts dagegen haben. Er nimmt an den Verhandlungen ja nicht teil.

Wann findet Ihr Schlichtungsgespräch mit Rummenigge und Bierhoff statt?

Das würde ich mir schnell wünschen, spätestens in 14 Tagen. Aber ich sehe auch, dass da zunächst bei beiden die Bereitschaft vorhanden sein muss. Das braucht manchmal etwas mehr Zeit.

Das Gespräch führten Robert Ide und Michael Rosentritt.

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