• „Es gibt keine Systeme mehr, nur noch Momente“ Ein Streitgespräch über Taktik

Sport : „Es gibt keine Systeme mehr, nur noch Momente“ Ein Streitgespräch über Taktik

mit Herthas Trainer Huub Stevens

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Herr Stevens, wir wollen über Taktik reden.

Gern, fangen wir doch gleich mit dem Spiel gegen Dortmund an. Da ist Bartosz Karwan viel zu schlecht weggekommen.

Weil er im Spiel nach vorne nicht allzu viel zustande gebracht hat.

Darum geht’s doch gar nicht. Es geht um die Taktik. Wir haben gegen Dortmund defensiv hervorragend gespielt, und Bartosz hat seinen Beitrag dazu geleistet. Er hat für eine gute Balance gesorgt.

Vielleicht hat er darunter gelitten, dass sich Arne Friedrich auf der rechten Seite mit Vorstößen merklich zurückgehalten hat.

Aber warum denn? Weil der Gegner leider nicht immer so spielt, wie wir das wollen. Wir hatten erwartet, dass Dortmund links mit dem offensiven Amoroso spielt; stattdessen hat Trainer Sammer den defensiven Heinrich gebracht. Für Arne war es dadurch natürlich schwieriger, auf seiner Seite durchzukommen. Andererseits hat Sammer mit Amoroso auch ein offensives Element aus seiner Mannschaft herausgenommen.

Das steht ein wenig im Gegensatz zum „totalen Fußball“ der Holländer in den Siebzigerjahren: Jeder Spieler stürmt und jeder Spieler verteidigt. Ist so etwas heute noch möglich?

Das ist nicht nur möglich, das ist sogar nötig.

Bei Hertha sieht es eher so aus, dass fünf Spieler verteidigen und die anderen fünf stürmen.

Es hat bei uns auch Momente gegeben, in denen wir mit sechs Leuten angegriffen haben und nur mit vier verteidigt. Es gibt keine festen Systeme mehr. Es gibt nur Momente.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass Ihr Konzept von Fußball vielleicht zu kompliziert sein könnte für die Spieler? Die brauchen klare Anweisungen.

Die geben wir doch auch. Vielleicht versteht ihr Journalisten nicht immer, was ich meine. Aber die Spieler wissen schon, was gefragt ist. Allerdings kann auch nicht alles nur vom Trainer kommen. Wenn das so wäre, wären die Spieler auf dem Platz immer zu spät.

Gegen Dortmund waren ja durchaus Fortschritte zu erkennen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Mannschaft – auch taktisch – immer noch eine Suchende ist.

Sie dürfen nicht vergessen, gegen wen wir gespielt haben. Gegen den Deutschen Meister. Das steckt in den Köpfen der Spieler. Dann kommt der Druck hinzu, dass du gewinnen musst. Und wenn dir das dann in letzter Minute gelingt, ist plötzlich alles gut.

Ist es aber nicht?

Natürlich nicht. Als Trainer bist du immer auf der Suche nach dem perfekten Spiel. Aber du wirst es nie finden.

Wie nah sind Sie dem perfekten Spiel bisher gekommen – 98 Prozent? 90?

Nein, lange nicht. Vielleicht 85 Prozent. Der Grad der Perfektion hat gar nichts damit zu tun, ob du Real Madrid trainierst oder Roda Kerkrade. Je besser die Einzelspieler sind, desto schlechter kann die mannschaftliche Balance sein – weil du trotzdem durch eine Einzelaktion gewinnen kannst. Aber als Trainer bist du nicht so zufrieden.

Marcelinho hat auch die Fähigkeiten, ein Spiel allein zu entscheiden. Ist er zu egoistisch?

Vielleicht sieht es von außen so aus. Aber so ist es doch nicht. Auch das hat wieder mit der ganzen Mannschaft zu tun. Mit Unterstützung, mit den Laufwegen der Stürmer. Die müssen so laufen, dass Marcelinho sie anspielen kann. Wofür ist er nach dem 2:1 gegen Dortmund gefeiert worden? Dafür, dass er das 2:1 erzielt hat. Für mich war viel wichtiger, dass er vorher auf Hartmann gespielt hat. Dadurch ist die gefährliche Situation erst entstanden. Natürlich bin ich froh, dass er den Ball reinköpft, aber ein Kompliment habe ich ihm für sein Zuspiel gemacht.

Es ist auffällig, dass Marcelinho die meisten Tore bei Hertha geschossen hat: sechs. Die Stürmer kommen zusammen auf drei.

… und deshalb hat Hertha jetzt ein Sturmproblem ? Für mich ist das nicht so. Die Stürmer sind nicht nur dafür verantwortlich, Tore zu schießen; die Stürmer sind auch verantwortlich, dass Räume entstehen.

Und das funktioniert nicht, wenn Michael Preetz und Luizao zusammenspielen? Sie haben mal gesagt, dass das nicht passen würde.

Ja, am Anfang. Sie sind vom Typ her zu ähnlich. Beide spielen eher um den Ball herum. Anders als Alex Alves. Der ist schnell und spielt um den zweiten Stürmer herum.

Andere spielen auch mit zwei Strafraumstürmern, wie Preetz und Luizao es sind.

Das könnten wir auch, aber das würde einige taktische Änderungen nach sich ziehen.

Das Flügelspiel müsste forciert werden.

Ja, aber dafür brauchst du die Spieler, die sich außen durchsetzen können: Nur haben wir keinen Zé Roberto und keinen Salihamidzic. Wir haben Pinto, Karwan und Goor.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und

Stefan Hermanns.

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