Sport : „Es ist, als ob man gegen Männer spielt“

Deutsche Fußballerinnen stehen vor allem wegen physischer Überlegenheit im EM-Finale gegen Norwegen

Andreas Morbach[Preston]

Wer die bescheidene Fußballlehrerin Tina Theune-Meyer kennt, wird es nicht für möglich halten, aber: Die Pfarrerstochter an der Spitze der deutschen Frauen-Nationalmannschaft wird langsam unverschämt. Nachdem es bei der Europameisterschaft in England mit jedem Spieltag mehr danach aussieht, als müsse für die DFB-Auswahl im Grunde ein separater Wettbewerb angeboten werden, hat sich die Bundestrainerin auf dem Weg zur Titelverteidigung konsequenterweise längst neue Zusatzziele gesetzt. Und eines davon gerade verfehlt.

Das lag daran, dass es den Finninnen bei ihrer 1:4-Abfuhr im Halbfinale gelang, den Weltmeisterinnen das erste Gegentor im Turnier zu bescheren. Theune-Meyer grummelte: „Ärgerlich ist das Tor, das die Finninnen gemacht haben.“ Schließlich wollte sie beim letzten Turnier als Bundestrainerin die neue EM-Trophäe am Sonntag ohne Gegentreffer einpacken.

Den alten Pokal haben Deutschlands Fußballerinnen nach ihrem dritten Titel vor vier Jahren schon für immer im Land behalten. Es sieht so aus, als würden sie auch weiter ihr Abonnement auf EM-Siege behalten. Obwohl die Deutschen Frauen noch immer nicht mit ihren Leistungen zufrieden sind, konnte sie bislang kein Gegner ernsthaft fordern. Auch Finnland im Halbfinale nicht. Weil Tina Theune-Meyer in Wirklichkeit gar kein unverschämter, sondern ein sehr höflicher Mensch ist, lobte sie den hoffnungslos unterlegenen Gegner dennoch. „Nicht gemauert“ hätten die Fußballerinnen aus Finnland, befand die 51-Jährige anerkennend. „Die haben sich nicht hinten reingestellt, sondern wollten ins Finale. Das hat mir imponiert.“

Schon nach einer Viertelstunde war dieses Ziel für die Finninnen am Mittwoch unerreichbar geworden. Deutschland führte nach großem finnischem Abwehrchaos und zwei Toren durch Inka Grings sowie einem durch Conny Pohlers schnell 3:0. „Das Spiel war vorüber“, sagte Finnlands Trainer Michael Käld. „Aber über die restlichen 75 Minuten haben wir ein 1:1-Unentschieden gegen Deutschland geschafft.“

Zu Scherzen waren Käld und seine Spielerinnen nach ihrer Begegnung mit den „Maschinen“, wie die Verteidigerin Evelina Sarapää ihre Gegnerinnen nannte, ohnehin nicht aufgelegt. „Es ist hart, gegen die Deutschen zu spielen“, sagte die finnische Rekordnationalspielerin Anne Mäkinen. „Jede einzelne von ihnen könnte im All-Star-Team stehen.“ Mäkinen dachte einen Moment lang nach und ergänzte dann: „Manchmal ist es, als würde man gegen Männer spielen.“ Ihr Trainer sieht das ganz ähnlich. „Sie sind physisch sehr stark“, betont Käld. „Jede von ihnen kann den Ball 70 Meter weit schlagen.“

Die Frauen, die 70 Meter weit schießen können, sind über das, was sie momentan in England so abliefern, allerdings eher weniger erbaut. „Uns reichen derzeit ein paar lichte Momente, um unsere Tore zu erzielen“, sagte Birgit Prinz, die Schützin des vierten deutschen Treffers. Das war die positivste Erkenntnis der Weltfußballerin, der ansonsten auffiel: „Es läuft nicht so rund bei uns. Wir verlieren zu viele Bälle. Wir haben immer noch Probleme, in das Turnier reinzukommen.“ Dass sie trotzdem im Finale auflaufen darf, liege „im Prinzip an den Gegnern“, murmelte Prinz.

Viel Zeit bleibt Birgit Prinz und ihren Kolleginnen nicht mehr, um ins Turnier zu finden. Am Sonntag ist die Europameisterschaft vorbei. Die Deutschen gehen ungeachtet ihrer Selbstkritik auf hohem Niveau nach vier Siegen mit 12:1 Toren als Favorit ins Endspiel gegen Norwegen (16.15 Uhr/live auf Eurosport), das Schweden in der Verlängerung mit 3:2 besiegte. Doch erst das Finale wird die wahre Leistungsfähigkeit der Mannschaft enthüllen; es ist der erste und einzige richtige Test im Turnierverlauf. „Da wird sich zeigen, ob man eine Klasse für sich ist“, sagte Tina Theune-Meyer.

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