Sport : „Es ist gefährlicher, prickelnder“

Matthias Kahle über Kubicas Unfall und den Reiz des Rallyefahrens

Hilft Heidfeld? In diesem Skoda verunglückte Robert Kubica. Lotus-Teamchef Eric Boullier erwartet, dass der Pole mehrere Monate ausfällt. Boullier nannte neben Ersatzfahrer Bruno Senna auch die derzeit vertragslosen Vitantonio Liuzzi und Nick Heidfeld als Kandidaten für das Cockpit. Foto: AFP
Hilft Heidfeld? In diesem Skoda verunglückte Robert Kubica. Lotus-Teamchef Eric Boullier erwartet, dass der Pole mehrere Monate...Foto: AFP

Herr Kahle, bietet die Formel 1 den Piloten so wenig Aufregung, dass sie in ihrer Freizeit auch noch Rallye fahren müssen?

Ich habe es schon von vielen Rundstreckenfahrern gehört, dass sie Rallyefahren für größer halten als das, was sie selbst machen. Viele wollten eigentlich Rallyefahrer werden, aber weil das schwieriger ist, sind sie auf die Rundstrecke gegangen. Ich kenne ihn ja nicht, aber vielleicht ist das bei Robert Kubica auch so gelaufen. Es ist auch nicht so leicht, ein Werksauto zu bekommen, weil der Sport nicht so im Fokus steht – außer ein Formel-1-Fahrer hat einen Unfall im Rallyeauto.

Kubica, der sonst für Lotus Formel 1 fährt, verunglückte am Sonntag bei einer Rallye in Italien schwer. Sein Teamchef Eric Boullier sagt, Rallyefahren sei „lebenswichtig“ für Kubica gewesen. Was meint er damit?

Es hat einen anderen Anspruch und Reiz, auf normalen Straßen schnell zu fahren als auf den klinischen Rennstrecken, die es heutzutage gibt. Es ist ein bisschen gefährlicher und prickelnder. Ich langweile mich immer auf Rundstrecken, die sind so breit und haben so langweilige Kurven.

Die Formel 1 ist langweilig?

Ein Formel-1-Auto ist durch die pure Geschwindigkeit spannend, aber es fehlt die Fahrdynamik. Du musst nur genau bremsen und einlenken. Bei der Rallye fahren sich Autos noch wie Autos, man rutscht viel und hat unterschiedliche Untergründe. Das ist nicht so steril, vielleicht reizt das Kubica auch. Ganz früher waren die Formel-1-Rennen ja auch mehr Rallye: Die Strecken waren schlecht und die Autos sind die ganze Zeit gedriftet.

Kubica suchte also das Prickeln beim Fahren. Aber ist ein Formel-1-Pilot wie er tatsächlich zum Rallyefahren geeignet?

Kubica fährt ja schon zwei oder drei Jahre Rallye, und seine Ergebnisse waren immer sehr gut. Normalerweise spezialisiert man sich auf Rundstrecke oder Rallye, aber wenn man das Talent hat, kann man eigentlich beides. Es gibt genügend Beispiele – der DTM-Pilot Mattias Ekström etwa ist auch ein exzellenter Rallyefahrer.

Kimi Räikkönen macht bislang eher durch spektakuläre Unfälle von sich reden.

Auch der Räikkönen ist ein guter Rallyefahrer. Nur, der war halt Formel-1-Weltmeister und will da auch so gut werden. Aber dazu braucht man mindestens zwei, drei Jahre. Ich glaube, er gibt sich die Zeit nicht und will es mit Macht versuchen. Beim Rallyefahren muss er sich aber etwas zurücknehmen und auf die Strecke reagieren. Man darf nicht denken, jede Kurve ist die entscheidende. Du kannst keine Rallye perfekt fahren, selbst die Besten machen Fehler. Ich selbst fahre eher defensiv; ich bin seit 13 Jahren Profi und hatte noch keinen Unfall.

Sie fahren auch Rundstreckenrennen. Gehen Sie da mehr Risiko ein, weil Sie sich durch die Kiesbetten sicher wähnen?

Nein. Ich bin erst ein 24-Stunden-Rennen gefahren, aber da will ich auch nicht abfliegen, das tut auch weh. Das Kiesbett ist ja auch irgendwann zu Ende und dann stehen da Mauern.

Dennoch sind Strecken und Autos in der Formel 1 deutlich sicherer geworden. Auch deswegen überstand Kubica seinen schweren Unfall in Montreal 2007 nahezu unverletzt. Kann man Rallyes auf öffentlichen Straßen überhaupt sicher machen?

Es passiert ja schon relativ wenig dafür, dass so viele Rallyes gefahren werden. Die Autos sind sehr sicher und die Veranstalter haben hohe Auflagen, die Zuschauersicherheit zu garantieren. Ich würde sagen, Formel 1 und Rallye sind gleich sicher. Kubica hatte einfach richtig viel Pech und Unglück. So wie damals Ayrton Senna in der Formel 1. Sein Unfall sah ja harmlos aus – aber er hatte das Pech, dass ein Stück Aufhängung durch den Helm kam.

– Das Gespräch führte Christian Hönicke.

Matthias Kahle, 41, ist siebenfacher Deutscher Rallyemeister. Zudem gewann der

gebürtige Görlitzer

bei der Rallye Dakar im Januar zum

zweiten Mal in Folge

die Buggy-Wertung.

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