Sport : „Es ist gut, wenn ein bisschen Zündstoff reinkommt“

Joachim Löw über den neuen Sportdirektor Matthias Sammer, die Sorgen vor dem Länderspiel in Italien und das Ende der Torhüterrotation

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Herr Löw, Sie und Bundestrainer Jürgen Klinsmann haben sich mit dem neuen Sportdirektor Matthias Sammer getroffen. Was ist dabei herausgekommen?

Es war ein gutes Gespräch. Wir haben einige Missverständnisse ausgeräumt.

Sie sind also nicht mehr beleidigt, dass Sie Ihren Kandidaten Bernhard Peters nicht durchsetzen konnten?

Wir waren nie beleidigt. Nur die Art der Entscheidung ist uns damals etwas aufgestoßen. Vielleicht haben wir die Sache nicht gut genug vorbereitet. Wir wären das Thema gerne offensiv angegangen. Die Leute beim DFB, die eingeweiht waren, waren begeistert von unserem Vorschlag. Aber plötzlich war das Thema in der Öffentlichkeit.

Haben Sie den Verband mit Ihren Veränderungen überfordert?

Wieso? Nach der EM 2004 haben doch alle Veränderungen gefordert – in der Mannschaft und in ihrem Umfeld. Sämtliche Innovationen der Ära Klinsmann waren wichtig. Da kann man sich jetzt nicht hinstellen und sagen: Wir mussten schon so vieles abnicken. Uns hat dieses Verhalten ein bisschen geärgert. Die Entscheidung selbst respektieren wir. Wir sind sicher, dass sich Matthias Sammer richtig in die Aufgabe reinkniet.

Könnte das schwierige Verhältnis zwischen Klinsmann und Sammer ein Problem für den deutschen Fußball werden?

Ich hatte immer den Eindruck, dass beide sich ganz gut verstehen.

Sammer hat gesagt, dass der deutsche Fußball seine Identität wiederfinden muss.

Das ist ja richtig. Wir brauchen insgesamt eine bessere Physis. Wir waren darin einmal führend. Physis ist wichtig, genauso wie Einsatz und der Glaube an sich selbst. Das müssen wir wieder herausstellen – gepaart mit System, Taktik, guter Ausbildung und verbesserter Technik. Uns fehlen ein paar Dinge, damit wir uns dauerhaft in der Weltspitze etablieren. Wir haben deshalb in eineinhalb Jahren eine Philosophie erarbeitet. Jetzt kommt noch der Input von Matthias Sammer hinzu. Er soll mal seine Ideen vorstellen und dann müssen wir entscheiden.

Sammer hat angeboten, Ihnen bei der WM zu helfen. Werden Sie das annehmen?

Der Stab zur Beobachtung unserer WM- Gegner steht schon lange. Chefscout Urs Siegenthaler und der U-21-Trainer Dieter Eilts sind die ersten Ansprechpartner. Außerdem gibt es einen Beobachterstab der DFB-Trainer, und unabhängig davon wird auch Matthias Sammer als Sportdirektor in den Stadien sein.

Steht auch Ihr Spielerkader für die WM?

Ja. 14, 15, 16 Spieler können sicher sein, dass sie dabei sind, wenn jetzt nicht der totale Formabfall kommt.

Einige Spieler sind außer Form oder kommen selten zum Einsatz …

Wir haben großes Vertrauen in Richtung WM. Wir sind sicher, dass die Spieler, die momentan nicht die Form haben, in ein, zwei Monaten wieder richtig gut drauf sind. Sorgen machen wir uns ein bisschen wegen des Italien-Spiels. Mertesacker, Klose, Metzelder und Huth sind verletzt oder nicht im Rhythmus. Bei Klose und Mertesacker stehen wir vor der Frage: Lassen wir sie in Italien lieber noch weg?

Klose will schon jetzt gegen Turin spielen. Wozu tendieren Sie?

Unsere Tendenz geht dahin, dass wir keinerlei Risiko eingehen. Bleibt ein kleines Restrisiko, verzichten wir lieber in einem solch intensiven Spiel auf sie.

Haben Sie deswegen den Mainzer Spieler Manuel Friedrich beobachtet?

Es ist wichtig, dass wir Alternativen kennen, ihr Leistungsvermögen und ihre Entwicklung einschätzen können. Ich bin weniger in Stadien, wo die Bayern oder Bremen spielen. Für uns ist klar, dass ein Ballack, selbst ein Schweinsteiger, der jetzt nicht immer spielt, bei der WM dabei sind. Wir beobachten eher Spieler, von denen wir glauben, dass sie nachrutschen könnten. Viele Verteidiger mit einem deutschen Pass gibt es ja nicht.

Was ist mit Christian Wörns? Der Dortmunder hatte kritisiert, dass er zuletzt nicht nominiert wurde.

Es gab mit ihm eine klare Aussprache. Wir haben von Beginn an klar gemacht, dass wir sehr auf Charaktereigenschaften der Spieler achten – auf Seriosität, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Toleranz und Respekt. Intern sind wir immer bereit, über alles zu reden. Wir fordern das sogar von unseren Spielern. Aber eine der Regeln ist: Man äußert sich nicht öffentlich negativ über einen Mitspieler, über den DFB oder über Entscheidungen der Trainer. Von Christian Wörns sind ein paar despektierliche Äußerungen gegen Robert Huth gekommen. Wir haben ihm gesagt, dass er keine Qualifizierung von Spielern vorzunehmen hat. Das machen die Trainer.

Hängt die Entscheidung, wer bei der WM im Tor steht, Oliver Kahn oder Jens Lehmann, davon ab, wie die Abwehrkette davor bestückt ist?

Es gibt verschiedene Punkte, nach denen wir entscheiden. Klar ist eines: Das, wofür wir heftig kritisiert worden sind, der offene Konkurrenzkampf, hat sich bewährt. Wir haben beiden Torhütern die Chance gegeben, möglichst gleich viele Spiele zu machen. Beide sind in ausgezeichneter Verfassung, sie haben sich gegenseitig hochgezogen. Natürlich gibt es Spannungen, wenn einer 35 ist, immer auf hohem Niveau spielt und sich plötzlich dem Konkurrenzkampf stellen muss. Aber das ist doch gut, wenn ein bisschen Zündstoff reinkommt. Das wollen wir ja: dass nicht immer alle zufrieden sind. Wir wollen auf allen Positionen diese Reaktionen erzeugen. Dieses Problem würden wir uns auf anderen Positionen auch wünschen.

Warum wurden im letzten halben Jahr beide Torhüter abwechselnd zu den Spielen eingeladen? Gab es zu viele Spannungen?

Nein, der Torhüter, der nicht spielte, hat auf diese Weise keine Trainingstage verloren, sondern konnte bei seinem Verein trainieren. Außerdem wollten wir sehen, wie sich der Einzelne verhält, wenn er ohne seinen Konkurrenten bei der Gruppe ist. Also welche Aufgabe übernimmt Oliver Kahn, wenn er allein bei der Mannschaft ist?

Könnte es bei der WM, wie beim Confed- Cup, eine Rotation im Tor geben?

Das ist auszuschließen. Der Confed-Cup war ein Probelauf. Bei einer WM braucht ein Torhüter die absolute Sicherheit, Nummer eins zu sein.

Wird der, der gegen Italien spielt, drei Wochen später gegen die USA pausieren?

Es ist noch offen, ob jeder ein Spiel macht oder einer beide. Wir werden darüber im Trainerstab noch mal beraten, wer wann spielen wird.

Haben Sie denn schon entschieden, wer gegen Italien die Nummer eins ist?

Beide Torhüter werden dabei sein. Wir werden mit ihnen noch mal sprechen, auch darüber, wann wir festlegen, wer bei der WM die Nummer eins ist, und wann wir die Entscheidung bekannt geben.

Welches Spiel ist wichtiger: das in Italien oder das Heimspiel gegen die USA?

Wir ordnen beide Spiele als gleich wichtig ein. Für mich ist Italien ein WM-Favorit. Die Mannschaft ist enorm kompakt, hat exzellente Einzelspieler, die durch die Champions League einen hohen Rhythmus haben. Sie spielen permanent auf höchstem europäischen Niveau. Ein Sieg über Italien wäre gut.

Weil dann endlich das Thema erledigt ist, wann Deutschland wieder eine große Fußballnation schlägt?

Diese Frage müssen wir bei der WM beantworten. Solche Gegner musst du zum richtigen Zeitpunkt schlagen. Unser Ziel ist, dass wir am 9. Juni, dem Tag des WM-Eröffnungsspiels, Topniveau haben. Und dass wir dann in der Lage sind, uns während des Turniers zu steigern und zu entwickeln. Das werden wir brauchen.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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