Sport : „Es ist sehr aufregend“

Torhüter Jens Lehmann über Larssons Elfmeter, den Gegner Argentinien und den neuen Patriotismus

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Herr Lehmann, was haben Sie sich beim Elfmeter von Henrik Larsson gedacht?

Ich bin stehen geblieben, weil ich erwartet habe, dass er in die Mitte schießt. Das hat er ja dann auch gemacht – nur leider ein bisschen zu hoch für mich.

Mit Ihrer Taktik haben Sie Larsson unter Druck gesetzt.

Das weiß ich nicht, das müssten Sie eigentlich ihn fragen. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht.

Die deutsche Defensive hat zum dritten Mal hintereinander kein Tor kassiert. Welches Gefühl haben Sie hinter der Abwehr?

Wir werden immer besser, und wir sind sehr glücklich, dass wir wenig zulassen. Das steigert unser Selbstbewusstsein.

Dann kommt Argentinien im Viertelfinale genau zur rechten Zeit?

Argentinien hat eine sehr starke Mannschaft, bis jetzt wahrscheinlich die stärkste des Turniers. Das ist ein anderes Niveau. Aber wir haben Selbstvertrauen. Und wir haben die Zuschauer im Rücken, eine große Unterstützung.

Ist der Heimvorteil wirklich so wichtig?

Bisher war er sehr wichtig. Das Publikum hat uns noch einen zusätzlichen Auftrieb gegeben, gerade in Phasen, in denen es nicht so gut lief. Dass die Erwartungen in Deutschland sehr hoch sind, übt auch einen gewissen Druck auf uns aus. Aber dem müssen wir standhalten.

Das ganze Land ist schwarz-rot-gold. Wie empfinden Sie das?

Ich finde es sehr interessant und auch aufregend, was gerade hier passiert. Vor 20 Jahren wäre es sehr seltsam gewesen, seinen Patriotismus so offen zu zeigen. Inzwischen haben wir eine andere Wahrnehmung. Das ist eine andere Generation, die jetzt Fußball spielt, auch eine andere Generation auf den Straßen oder in den Stadien. Die Vorbehalte, auch wegen unserer Nazi-Vergangenheit, sind nicht mehr so groß. Wir sind uns unserer Geschichte bewusst, aber wir können damit anders umgehen, als es unsere Eltern getan haben.

Kommt Ihnen dieser neue Patriotismus ein wenig aufgesetzt vor?

Überhaupt nicht. Es gibt ja auch keine rassistischen Auswüchse oder Anfeindungen gegen andere, eher Verbrüderungen. Die Ausländer erleben uns Deutsche ganz anders, als sie es erwartet hätten. Auf einmal ist Deutschland ein Feierland, sehr anpassungsfähig gegenüber Fremden. Vor der WM bin ich gefragt worden, was ich mir wünsche. Ich habe gesagt: Ich hoffe, dass wir Deutschen uns von unserer lockeren und lustigen Seite zeigen können.

Haben Sie mitbekommen, welche Reaktionen es in England gibt?

Ich habe einen Kommentar in einer englischen Zeitung gelesen. Der war sehr positiv. Und ein Freund aus England hat mich in Berlin besucht. Er war sehr überrascht, was hier los ist. Fantastisch, hat er gesagt, so hätte er sich das nicht vorgestellt.

Wenn die Deutschen Weltmeister werden, werden sie in England allerdings nicht unbedingt beliebter.

Wir wollen ja nicht Weltmeister werden wegen der Außendarstellung. Wichtig ist, dass die Leute aus dem Ausland merken: Wir sind offen und tolerant.

Wenn Sie sehen, was die Nationalmannschaft in Deutschland ausgelöst hat – was löst das wiederum bei Ihnen aus?

Eine Gänsehaut. Gerade Jürgen Klinsmann ist vor der WM stark angefeindet worden – wegen Lächerlichkeiten: weil er in Amerika wohnt und weil er neue Methoden eingeführt hat. Dadurch, dass wir nun Erfolg haben, ein wenig Erfolg, springt auf einmal diese Offenheit, diese Lockerheit und dieser Optimismus auf die Leute über. Dieses Gefühl haben wir zumindest. Das ist einfach toll zu sehen.

Denken Sie eigentlich auch mal daran, dass es einen Rückschlag geben und mit einem Mal alles vorbei sein könnte?

Ich glaube, dass wir das im Hinterkopf haben. Deshalb bereiten wir uns umso mehr auf die Spiele der K.-o.-Runde vor. Das ist eben der Nachteil an diesem Modus: Wir könnten jetzt auch hier stehen, und für Deutschland wäre die WM vorbei. Aber – wir haben gut gespielt und verdient gewonnen. Es geht weiter.

Aufgezeichnet von Stefan Hermanns.

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