Sport : Es kann nur einen geben

Deutschland gegen Portugal, das ist auch Michael Ballack gegen Cristiano Ronaldo. Die beiden Stars ihrer Mannschaften können den Unterschied ausmachen. Und sie sind sich ähnlicher, als man auf den ersten Blick denken mag

Michael Rosentritt[Basel]

Früher, als Michael Ballack so jung war wie Cristiano Ronaldo, hatte er auch noch mit seinen Haaren zu tun. Die Art, wie sich der junge Sachse über den Platz bewegte, erinnerte nicht nur Leverkusens kugelrunden Manager Reiner Calmund an den „kleinen Kaiser“. Ballack galt zu Beginn seiner sich andeutenden Weltkarriere als Schönling, als Prada-Profi, als einer, dem das saubere Trikot nach dem Abpfiff wichtiger sei als der Erfolg der Mannschaft. Dieses Bild stimmte damals schon nicht, jetzt hat er es auch durch unzählige andere, echte ersetzt.

Die Bilder, die die breite Öffentlichkeit von Cristiano Ronaldo kennt, ähneln denen des frühen Ballacks. Der Portugiese ist nicht nur ein Ästhet am Ball, sondern auch sonst ein recht eitler, bisweilen affektierter Geselle mit aufreizend-aufrechter Körperhaltung, perfekt getrimmten Augenbrauen und fein drapierten Löckchen im Nacken. Cristiano Ronaldo gilt nicht nur als derzeit bester Kicker, sondern auch als bester Poser der Welt. Vier von fünf Fußballkindern wollen heute so werden wie er.

Heute Abend werden beide im EM-Viertelfinale in Basel aufeinandertreffen. Es ist nach der englischen Meisterschaft und dem Finale der Champions League das dritte große Duell der beiden charismatischen Figuren. Überspitzt könnte man sagen: Realität trifft Vision.

Dass es sich bei beiden um herausragende Fußballspieler handelt, darf als vorausgesetzt gelten. Cristiano Ronaldo hat es mit seinen 23 Jahren schon auf 57 Länderspiele und dabei für einen Mittelfeldspieler auf stattliche 21 Tore gebracht. Der acht Jahre ältere Ballack hat in 84 Länderspielen 37 Tore erzielt. So weit die statistischen Werte.

Der eigentliche Wert der beiden für das Spiel ihrer Mannschaften ist ein weitaus größerer. „Es sind Spieler, die den Unterschied ausmachen können“, sagt Jens Lehmann, der beide aus der englischen Premier League kennt. „Michael Ballack ist unser Leader“, meint Lehmann. Über Ronaldo sagt er: „Wenn er nicht gegen einen spielt, ist es schön ihm zuzuschauen.“

Man würde dem hübschen Portugiesen Unrecht tun, würde man ihn auf sein Äußeres reduzieren. Gerade ihn haben die Jahre in England vorangebracht. Bei Manchester United haben sie dem exaltierten Techniker jenen Firlefanz ein wenig ausgetrieben, mit dem er sein Spiel verziert hatte. Diese Stakkato-Übersteiger, das theatralische Gehabe und weitgehend auch die Schwalben. Es ist vielleicht das größte Verdienst von Sir Alex Ferguson, dass er den talentierten Burschen den Unterschied zwischen Effekt und Effektivität gelehrt hat. Gerade eben wurde Ronaldo für seine 31 Tore in der abgelaufenen Premier-League-Saison mit dem Goldenen Schuh für Europas besten Torschützen geehrt.

Aber auch Ballack hat trotz seines Alters noch einmal gewonnen. Nachdem er ganz bewusst die „Komfortzone FC Bayern“ (Oliver Bierhoff) verlassen hat, ist er beim FC Chelsea physisch und mental stärker geworden. Ohne seine großen Auftritte hätte der Londoner Klub in der Meisterschaft nicht mehr zu Manchester aufschließen oder das Champions-League-Finale erreichen können.

Dabei hat der Deutsche eine vielleicht noch größere Wandlung durchgemacht. Bei der WM im eigenen Land hatte Ballack sich ungewöhnlich offen in den Dienst der Mannschaft gestellt und dafür seine Torgefahr geopfert. Er hat sich zurückgenommen und so der Mannschaft Stabilität und Sicherheit verliehen. Ballack, bis dato einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler der Welt, schoss beim Heimturnier nicht ein einziges Tor.

Das relativiert sich gerade. Schon gegen Österreich spielte er weit höher im Feld, um den Weg in den gegnerischen Strafraum zu verkürzen. Ballack weiß, dass es mehr denn je auf ihn ankommt, ob diese EM ein Erfolg wird. Im Grunde genommen hat Joachim Löw in den zurückliegenden zwei Jahren versucht, die Mannschaft insgesamt fußballerisch und taktisch so zu entwickeln, dass sie sich von einem Einzelnen wie Ballack emanzipieren kann. Tatsächlich gelang es der Mannschaft, den langen Ausfall ihres Kapitäns kollektiv irgendwie zu kompensieren. Einen gleichwertigen Ersatz aber gibt es nicht. Gerade jetzt bei der EM zeigt sich, dass Ballack das Besondere beitragen muss.

Bei den Portugiesen erwarten sie das Besondere von Cristiano Ronaldo, dem Tempodribbler und eiskalten Vollstrecker. Er verfügt über eine gute Schusshärte und Schusspräzision. Allerdings ist ihm bislang erst ein Tor gelungen, gegen Tschechien. Ansonsten war wieder einmal viel für die Galerie dabei – England und Alex Ferguson sind weit weg. Alte Marotten sind vor allem dann zu beobachten, wenn der Hochgelobte sich den Ball zu einem Freistoß zurechtgelegt hat. Mechanisch schreitet er dann drei, vier Schritte rückwärts, was wie abgemessen aussehen soll. Dann richtet er sich breitbeinig auf und stellt seine nach unten gestreckten Arme nach außen etwas ab. Ältere Zuschauer kennen diese Pose von Revolverhelden, die Playstation-Generation erkennt den Held ihrer Konsole.

Michael Ballack verzichtet auf solch alberne Posen. Wer bei seinem fulminanten Freistoßtor gegen Österreich in sein Gesicht gesehen hat, der hat den eigentlichen Unterschied erkannt. Das eine ist Getue, das andere Ernst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar