Sport : Es kommt, wie’s kommt

Mario Gomez hat in der Nationalmannschaft viele kritische Momente erlebt. Jetzt hat er mal Glück und wird trotzdem wieder kritisiert.

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Durchaus fröhlich. Mario Gomez bei der Pressekonefernz der deutschen Mannschaft am Montag. Foto: AFP
Durchaus fröhlich. Mario Gomez bei der Pressekonefernz der deutschen Mannschaft am Montag.Foto: AFP

Das Münchner Oktoberfest ist ein perfekter Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Wenn der Alkohol erst einmal die Zunge gelöst hat… Ob das bei Mehmet Scholl und Mario Gomez auch so war, ist nicht bekannt. Doch Gomez hat gestern berichtet, dass Scholl, der frühere Spieler der Bayern und künftige Trainer von deren U 23, im vergangenen Herbst bei der Wies’n mal ein bisschen grundsätzlicher geworden ist. Scholl übertölpelte den Nationalspieler mit der Feststellung, dass er genau wisse, was er von ihm denke. „Was denkst du denn, was ich von dir denke?“, entgegnete Gomez, woraufhin Scholl anmerkte, dass er, Gomez, ihn für ein … halte, weil er als Experte fürs Fernsehen arbeite.

Ob das so ist, hat Gomez nicht erzählt – aber seit dem Wochenende hätte er allen Grund, Mehmet Scholl für alles Mögliche zu halten, vor allem für nichts Gutes.

Der Stürmer hat der deutschen Fußball- Nationalmannschaft am Samstag einen erfolgreichen Einstand in die Europameisterschaft beschert; knapp 20 Minuten vor Schluss traf er zum 1:0-Endstand gegen die Portugiesen. Für Gomez war dieses Tor „gefühlsmäßig das schönste und wichtigste“ seiner Karriere, aber kaum war die Begegnung abgepfiffen, fällte Scholl als Experte der ARD ein vernichtendes Urteil über den vermeintlichen Matchwinner. „Ich hatte zwischenzeitlich Angst, dass er sich wundgelegen hat, dass man ihn wenden muss“, sagte der frühere Nationalspieler. Und: „Ich habe ihn schon mal mehr laufen sehen als heute, aber selten weniger.“

Zwei Tage danach sitzt Mario Gomez im Medienzentrum der Nationalmannschaft. Er hat sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger gelegt: die klassische Denkerpose. Dass Gomez sich für einen Moment so zeigt, ist vielleicht kein Zufall. Er will einen überlegten Eindruck hinterlassen, müht sich um eine ironische Distanz zu den Dingen und will unter allen Umständen seine Emotionen unter Kontrolle halten. Er sehe Scholls Kritik nicht als Attacke, sagt er. „Er ist Trainer jetzt, man kann von Trainern viel lernen.“ Mario Gomez ist auf diese Veranstaltung perfekt vorbereitet. Als gleich die erste Wortmeldung auf Scholl Bezug nimmt, sagt er: „Welche Überraschung, dass diese Frage kommt.“

Man muss dazu die Vorgeschichte kennen. Bei der EM 2008 galt Gomez mit seinen 22 Jahren als das große Versprechen unter den deutschen Stürmern, und dann kam diese Situation im letzten Vorrundenspiel gegen Österreich, die alles verändert hat. Gomez musste den Ball nur über die Linie drücken, stattdessen lenkte er ihn irgendwie in den Wiener Nachthimmel. Diese Geschichte hat ihn jahrelang verfolgt, sie hat ihn zweifeln lassen, an sich, an der Welt, an der Gerechtigkeit: warum ich? Das Spiel gegen Österreich war bis Samstag das letzte in einem großen Turnier, bei dem er in der Startelf stand. Es folgten, bei der EM 2008 und der WM 2010, fünf Kurzeinsätze über insgesamt 71 Minuten.

Exakt 71 Minuten waren vorüber, als Sami Khedira am Samstag von der rechten Seite eine Flanke in den portugiesischen Strafraum schlug. „Der Fußball ist manchmal kurios“, sagt Gomez.

Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr auf dem Platz gestanden, und eigentlich wäre die unerfreuliche Turniergeschichte des Mario G. um ein unerfreuliches Kapitel fortgeschrieben worden. An der Seitenlinie wartete bereits Miroslav Klose, und nur weil der Vierte Offizielle seine Anzeigetafel nicht rechtzeitig unter Kontrolle bekam, erhielt Gomez eine weitere Chance, seine mutmaßlich letzte. „Das war dann einfach so, das sollte so sein“, sagte er. „Der Ball wurde abgefälscht und landete auf meinem Kopf.“ Von da flog er ins Tor.

Mario Gomez hat es sich abgewöhnt, das Warum zu ergründen. Es kommt, wie es kommt. Das ist der Fatalismus des Stürmers, den er jetzt einmal zu seinen Gunsten auslegt. Ja, er hat Glück gehabt, doch nach allem, was vorher war, hat er das vermutlich auch verdient. Was ihn ärgert, ist, dass er sich trotzdem verteidigen muss. Obwohl er „in den letzten fünf, sechs Jahren der erfolgreichste deutsche Stürmer“ war. Obwohl er „in den beiden letzten Jahren in der Champions League nach Messi die meisten Tore“ erzielt hat. Ob er zweifle, dass er am Mittwoch gegen Holland spiele, wird Gomez gefragt. „Nein“, antwortet er. Nächste Frage.

Der 26-Jährige weiß genau, was seine Kritiker ihm vorhalten: dass er zu sehr Vollstrecker ist, zu wenig mitspiele und deshalb für den modernen Fußball nicht tauge. Aber was ist mehr moderner Fußball als die Champions League? Kurz: „Ich möchte wissen, warum es einen Grund gibt, dass ich mich ändern sollte.“

Mit seiner Entscheidung , gegen Portugal Gomez anstelle von Klose spielen zu lassen, hat der Bundestrainer viele überrascht. „Er hat das ganze Jahr für Bayern München getroffen“, sagt Joachim Löw. „Er hat gegen Portugal in der Defensive sehr gut gearbeitet, er macht das entscheidende Tor – das war schon eine ansprechende Leistung von ihm.“ Nach all den Schwierigkeiten, die Gomez gemeistert hat, hält der Bundestrainer ihn für „sehr gestählt in seiner Persönlichkeit“. Gomez wisse, wo er sehr gut sei, er wisse aber auch, was er noch besser machen könne. Was das denn sei, was er besser machen könne, wird Mario Gomez später gefragt. „Ich kann auch erzählen, was ich kann“, antwortet er. „Aber ich tu beides nicht.“

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