Sport : Es kribbelt noch nicht

Morgen beginnt die Tour de France – doch Jan Ullrich hat kaum Zeit, die Strecke zu testen

Hartmut Scherzer[Saint-Jean-de-Monts]

Jan Ullrich lehnt entspannt an der Wand und wartet auf den Fahrstuhl. Es ist abends halb neun nach dem Essen im Salon „Fairway“. Die Zimmer im luxuriösen Golfhotel „Le Sloi“, 300 Meter vom Atlantikstrand entfernt, werden verteilt. Ein Schlüssel wird von den Kameraden an der Rezeption hin- und hergeschoben. „Wenn keiner die Dreizehn haben will, nehme ich sie. Die Dreizehn ist meine Glückszahl“, ruft Ullrich.

Hinter Jan Ullrich und den anderen acht Radprofis des T-Mobile-Teams liegt eine praktische Anreise zur Tour de France. Anstatt den Tag mit langen Wartezeiten und umständlichem Umsteigen in Paris oder Lyon zu vergeuden, flogen Ullrich, fünf Kollegen und Sportdirektor Mario Kummer in einem Privatflugzeug nach Nantes. Mit einem Zwischenstopp in Tours, um dort die Strecke für das Mannschaftszeitfahren zu testen. Nur die Italiener Giuseppe Guerini und Daniele Nardello sowie der Spanier Oscar Sevilla trafen mit Linienflügen vormittags am Sammelpunkt in Tours ein.

In Tours wartete der Team-LKW mit den Zeitfahrrädern. Umziehen am Flughafen, und los ging die Erkundungsfahrt entlang der Loire. „Zweimal über zehn Kilometer ist das Team in vollem Tempo und in Formation gefahren“, berichtet Kummer. Zwei andere Tour-Mannschaften begegneten ihnen unterwegs. Zurück mit Umwegen noch einmal 80 Trainingskilometer, duschen in einem Hotel, Weiterflug nach Nantes, wo der Bus wartete und die T-Mobile-Fahrer ins sechzig Kilometer entfernte Quartier in Saint-Jean-deMonts brachte, einen Strand- und Urlaubsort im Departement Vendée. „Ich spüre noch kein Kribbeln“, sagt Ullrich. „Aber ich bin froh, dass es jetzt losgeht.“

Doch bis zum Start am Samstag mit dem 19 Kilometer langen Zeitfahren von Fromentine auf die Insel Noirmoutier-en-L’ile ist noch Stress angesagt. Nach dem Frühstück am Donnerstag tauchten die Kontrolleure vom Radsport-Weltverband UCI zur Blutabnahme auf. Zu spät, um den Termin zur medizinischen Kontrolle im zwanzig Kilometer entfernten Challans noch zu schaffen, dem Zentrum des „Grand Depart“ der Tour. Verschiebung auf Freitag. Dreieinhalb Stunden Training. Am späten Nachmittag offizielle Tour-Pressekonferenz Jan Ullrichs – unmittelbar vor dem Pflichtauftritt von Lance Armstrong vor den Medien. Am Freitag dann die feierliche Vorstellung aller Mannschaften im Salle Vrignaud in Challans. Da bleibt gerade noch Zeit, auch die Strecke der ersten Etappe zu testen.

In Saint-Jean-de-Monts entpuppt sich die Tankstellen-Chefin, eine energische Madame um die sechzig, als glühender Ullrich-Fan. „Dessu, dessu, dessu, toujours dessu“, sagt sie vehement. Jan Ullrich habe immer enttäuscht. Sie schlägt mit der rechten Faust in die linke Hand. „Diesmal muss es Ullrich schaffen.“ Das Benzin im vollen Tank läuft über, ohne dass sie es bemerkt. Sie hebt den Zeigefinger und schwenkt ihn wie einen Scheibenwischer. „Es darf nicht passieren, dass Armstrong zum siebten Mal gewinnt.“

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