Sport : Es muss nicht Lotto sein

Klaus Rocca

Im Mund steckte ein Stück Schokolade, wie die beiden Blumen ein Geschenk von weiblichen Fans. Alex Alves, vor geraumer Zeit noch meist mürrisch und wortkarg, genoss es sichtlich, im Mittelpunkt zu stehen, so wie gestern nach dem Training. Und lachen sehen hatte man ihn früher schon gar nicht. Gestern strahlte er, als hätte man ihm zu Blumen und Schokolade noch Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke überreicht. "Es macht wieder Spaß, Fußball zu spielen", lässt Alves dolmetschen. Die beiden Tore, die er in Bremen beim 3:0 für Hertha BSC schoss, haben den Spaß beträchtlich erhöht. Auch die Sprechchöre aus dem Hertha-Fanblock, als Alves zu fortgerückter Stunde aus dem Spiel genommen wurde. Früher hätte er da, mit sich und dem Trainer unzufrieden, gegrollt. Am Samstagabend lachte er und winkte jenen mit der Trainingsjacke zu, von denen die meisten schon die Hoffnung aufgegeben hatten, mit Alves werde es bei Hertha noch mal was.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Keinen Zweifel lässt der Brasilianer daran, wem er Spaß und Lust zu verdanken hat: Falko Götz. "Er hat mir und anderen das Selbstbewusstsein zurückgegeben", sagt Alves. Unisono kommt allen, sofern sie nicht zu den Verlierern des Trainerwechsels gehören wie Christian Fiedler und Rob Maas, das große Lob über die Lippen. Da schwingt natürlich auch, zumindest unterschwellig, Kritik am Vorgänger von Götz mit. Nicht bei Gabor Kiraly, wie Alves Gewinner beim Trainertausch. Er habe, sagt Kiraly, unter Röber und Bernd Storck "enorm viel gelernt". Und dass Röber ihn zuletzt auf die Bank verbannt und Fiedler den Vorzug gegeben habe, "sei völlig richtig gewesen, weil ich da eine schlechte Phase hatte". Sympathisch, dieser Ungar. Auch wegen seiner Bescheidenheit. Was er dazu sage, dass ihm Götz in Bremen "Weltklasse" assistiert habe, wurde er gefragt. Sein Kurzkommentar: "Meine Aufgabe als Torwart ist es, Tore zu verhindern."

Götz hat es gern vernommen. Nichts verabscheut er derzeit mehr als große Sprüche und Überheblichkeit. Und sich selbst sieht er am liebsten im Hintergrund. Was so leicht nicht fällt bei der geradezu sensationellen Erfolgsserie seit seinem Amtsantritt. Natürlich schmeichelt es ihm, immer wieder gefragt zu werden, ob er denn schon Angebote von anderen Vereinen habe. "Definitiv nicht", beteuert er mit treuherzigem Augenaufschlag. Natürlich sammelt er bei seinem Arbeitgeber noch zusätzliche Pluspunkte, wenn er die Idee von Manager Dieter Hoeneß, er könne ja für einige Jahre bei einem anderen Bundesligaverein Trainer werden und dann zu Hertha als Chefcoach zurückkehren, so kommentiert: "Das wäre ein Traum." Einen ironischen Unterton vernahm niemand der Umstehenden.

Ironie ist ohnehin nicht seine Art. Auf Fragen wie "Ist jetzt für Hertha sogar noch der Titel drin?" oder "Spielen Sie eigentlich Lotto?" kommen Sätze, wie sie in dieser Gilde üblich sind: "Ich denke von Spiel zu Spiel" und "Glück hat nur der Tüchtige". Man müsse ja auch nicht Lotto spielen, wenn man gut arbeite. Und dass er bisher gut gearbeitet hat, ist uneingeschränkt zu bejahen. Schon mehren sich die Stimmen, ob man da überhaupt noch einen Huub Stevens brauche. Das freilich hört Manager Hoeneß nicht so gern.

Alex Alves wäre es sicher nicht unlieb, gäbe es ein Engagement von Götz über die 13 Spiele hinaus. Von dessen fachlichen Qualitäten ist er ohnehin überzeugt: Die Absicherung nach hinten sei besser geworden, die Konter würden schneller nach vorn getragen, es werde mehr über die Flügel gespielt. "Wir spielen nun wieder richtig Fußball", sagt er. Da könnte man glauben, er freue sich noch auf weitere zwei Vertragsjahre bei Hertha. Nicht unbedingt. Seine Frau würde gern wieder in Brasilien Schauspielerin sein, seine Tochter habe hier wenige Freundinnen. Da könne es durchaus sein, dass er nach dieser Saison ins Grübeln komme. Hertha wohl auch. Noch vor kurzem wäre man den teuersten Spieler der Vereinsgeschichte am liebsten losgeworden. Nicht erst seit Bremen hat sich die Situation verändert. Auch dank Falko Götz.

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