Sport : Es reicht noch nicht, Herr Hoeneß (Kommentar)

Helmut Schümann

Kennt eigentlich schon jeder die Milchdöschen-Story? Nein? Nun denn: Sie trug sich zu in einem Trainingslager des FC Bayern München, als Erich Ribbeck noch nicht Deutschlands oberster Fußball-Lehrer, sondern nur Trainer in München war. Lehrer Ribbeck also wollte mit seinen Schülern, den Profis, beim Nachmittags-Kaffee die Viererkette durchnehmen. Und so schob er zur besseren Veranschaulichung Kaffeetassen, Zuckerdosen, Löffelchen hin und her - damit die Spieler die Sache am Modell erkennen können. Im Grunde eine feine Sache, so ein taktisches Lernen mit Gerät. Aber Schüler Jan Wouters, der damals als holländischer Nationalspieler bei den Bayern wirkte, hatte Einwände, schritt zur Tafel, addierte zum Arrangement ein paar Milchdöschen und sprach: "Trainer, Sie haben die Absicherung nach hinten vergessen."

Ob diese Episode der Anfang war, ist nicht geklärt, auf jeden Fall kennzeichnet sie das Verhältnis des FC Bayern zu Erich Ribbeck, besser: die Meinung des FC Bayern über die Fachkompetenz von Erich Ribbeck. Bündig zusammengefasst in den Worten von Wouters lautet sie: "Ribbeck ist der einzige Mensch in diesem Verein, der von Fußball keine Ahnung hat."

Insofern ist es nur konsequent, dass sich Bayern-Manager Uli Hoeneß nun mit deutlichen Worten in den jüngsten Streit der Nationalmannschaft einmischt. Aus tiefer Sorge um den deutschen Fußball, wie es heißt. Um zu retten, was noch zu retten ist vor der Europameisterschaft im Juni, wie es weiter heißt. Und aus tiefer Sorge um den FC Bayern München - nein, halt, das heißt es nicht.

Das aber ist wohl der wahre Beweggrund. Und es ist keineswegs abwegig zu vermuten, dass die streitauslösende heftige Kritik des Münchner Spielers Jeremies am Zustand der Nationalmannschaft mit seiner Vereinsführung abgesprochen war. Die Bayern haben noch die Champions League zu bestreiten und die Meisterschaft zu verteidigen, sie brauchen also ihre Spieler selbst. Wie schön, dass Ribbeck den Kritiker Jeremies erst einmal suspendiert hat. Könnte man da nicht auch einen ähnlichen Weg für die anderen Münchner Nationalspieler finden? Torwart Kahn hat Jeremies schon Recht gegeben, Verteidiger Babbel auch. Bislang ohne Konsequenz - Hoeneß wird noch ein wenig weiter poltern müssen.

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