Sport : Es rumpelt, bis es kracht

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Michael Rosentritt über den Schrecken von Cardiff

Erich Ribbeck mag sich amüsiert haben, so er am Dienstag vor dem Fernseher saß. Bisher wurde ihm der Verdienst zugeschrieben, er habe die deutsche Fußball-Nationalmannschaft an den tiefsten für möglich gehaltenen Punkt gebracht. Das war bei der Europameisterschaft 2000, als Ribbeck den Zufall zum taktischen Konzept erhoben hatte. Das größte Missverständnis in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft endete in einer durchzechten Terrassennacht – und die auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung.

Ribbecks Nachfolger Rudi Völler musste in Ermangelung personeller Alternativen auf den Stamm der EM-Versager zurückgreifen. Trotzdem gelang es ihm in einer Rolle als Publikumserfolg und Wächter guter deutscher Fußballtugenden, diesen Personenkreis zu reanimieren. Die Wiederbelebung mündete in die WM-Teilnahme. Und jetzt das – 0:1 gegen Wales. Die Waliser bevölkern einen hübschen Flecken Erde Britanniens, sie spielen leidenschaftlich gern Fußball, aber – und das bei aller Wertschätzung – zu einer WM haben sie es seit 1958 nicht mehr geschafft. Um die Rolle der walisischen Nationalmannschaft im Weltfußball angemessen zu würdigen, genügt ein Blick in die Fifa-Rangliste. Fündig wird man hier zwischen Albanien und Kongo – exakt an 96. Stelle.

Die Affäre Cardiff, sie hat an die schlimmsten Stunden deutschen Rumpelfußballs erinnert. Das lässt nicht gerade hoffen auf ein halbwegs vernünftiges Abschneiden beim Weltereignis in Fernost. Es sei denn, aus dem Cardiff-Erlebnis werden Lehren gezogen. Beispielsweise die, dass man sich in der Vorbereitung nur mit für die WM qualifizierten Teams misst, die mit ähnlichen Gedanken zu tun haben. In Cardiff stolzierten die Deutschen 75 Minuten lang ohne Leidenschaft über den Platz – wir nehmen mal wohlwollend an, dass sich niemand verletzen wollte. Für eine Mannschaft wie Wales oder am Sonnabend Österreich aber sind solche Spiele eine Art Ersatz-Weltmeisterschaft. Niemand interessiert sich für sie, wenn am 31. Mai das erste WM-Spiel angepfiffen wird. Zweitens: Wer so einen Auftritt mit dem Hinweis kontert, bis zur WM sei ja noch genug Zeit, der handelt fahrlässig. So wie vor der EM 2000. Erich Ribbeck hatte von allem keine Ahnung. Der Schlendrian war drin und Deutschland ganz schnell draußen. Diesen Geist muss Völler nachhaltig verschrecken.

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