Sport : Es schmerzt

Hertha BSC steht zwischen Resignation und Verzweiflung – aber in Hamburg muss gewonnen werden

Sven Goldmann

Porto/Hamburg. Wie schwer wiegt ein Gegentor, eine Niederlage, ein nicht mehr für möglich gehaltenes Scheitern? Niemand weiß so recht, was am späten Donnerstagabend im Estadio do Bessa zu Porto alles kaputt gegangen ist. In dieser 85. Minute des Uefa-Cup-Spiels zwischen Boavista Porto und Hertha BSC. Im schlimmsten Fall zerstörte der 1:0-Siegtreffer des Portugiesen Alavos nicht nur Herthas kurzfristigen Traum vom internationalen Glück, sondern die mittelfristige Perspektive des ambitionierten Vereins. Wie groß der Schaden ist, das wird sich heute im Bundesligaspiel beim Hamburger SV zeigen. Hertha kann sich keine Niederlage leisten, zu groß ist die Konkurrenz im Kampf um die Plätze im internationalen Geschäft.

Manager Dieter Hoeneß erwartet eine Trotzreaktion. „Das sind alles Profis, die müssen so etwas wegstecken.“ Aber er kennt auch das Gegenbeispiel, das Aus im Uefa-Cup vor zwei Jahren in Mailand, in dessen Folge Hertha sich erst ein 0:4 in Leverkusen und dann zwei weitere Niederlagen gegen Bayern München und den 1. FC Kaiserslautern leistete. „Damals wurde lang und ausgiebig geweint“, sagt Hoeneß heute, „aber nicht nur von den Spielern.“ Vor allem der damalige Trainer Jürgen Röber kam mit der Enttäuschung nicht zurecht, der K. o. von Mailand war so etwas wie der Anfang vom Ende seiner Zeit bei Hertha BSC.

Zwei Jahre später scheiterten die Berliner ähnlich unglücklich wie damals in Mailand; und doch gibt es entscheidende Unterschiede, zwischen den Gegnern und der Ausgangslage. Inter war eine Ansammlung von Weltklassespielern. Boavista steht in der international zweitklassigen portugiesischen Liga auf Platz zehn. Im Dezember 2000 verfügte Hertha als Tabellenführer der Bundesliga über ein gewisses Abfederungspotenzial, trotz der sich anschließenden Krise reichte es am Ende der Saison noch zu einemPlatz im Uefa-Cup. Der ist nach 22 Spieltagen der Saison 2002/03 noch nicht erreicht, und wieder müssen die Berliner mit einer Seelenlage irgendwo zwischen Resignation und Verzweiflung fertig werden.

Zum Beispiel Michael Preetz. Der Mannschaftskapitän kniete nach dem Schlusspfiff lange auf dem Rasen und weinte. Er weiß seit Donnerstag wie der Isländer Eyjölfur Sverrisson, dass seine Profilaufbahn mit einer eher mittelmäßigen Saison ausklingen wird. Der Uefa-Cup wäre ein letztes großes Ziel gewesen. Wie groß ist der Ansporn, die Bundesliga noch einmal als Vierter oder Fünfter zu beenden? Bei Sverrisson und Preetz wird es vielleicht bei einem Verlust an interner Betriebsspannung bleiben. Andere Fälle wiegen schwerer. In Porto hat Trainer Huub Stevens gezeigt, wem er vertraut. Doch für den Rest der Saison muss er auch mit den anderen auskommen, denen er in Porto so demonstrativ nicht vertraut hat.

Was etwa passiert mit Stefan Beinlich? Der einstige Nationalspieler kämpft um einen neuen Vertrag, aber die Signale, die er seit Wochen empfängt, müssen ihn nachdenklich stimmen. Das hat eine Vorgeschichte. Im Dezember 2002 hatte Stevens den Mittelfeldspieler nicht mit zum Uefa- Cup-Spiel nach Fulham genommen und als Begründung angegeben, dieser sei nicht fit. Davon wiederum wusste Beinlich nichts. Er reagierte verstimmt, und das, denkbar ungeschickt, in der Öffentlichkeit. So etwas mag kein Trainer. Seitdem spielt Beinlich keine nennenswerte Rolle mehr. Beinlich schweigt. Beim 0:0 gegen Bielefeld durfte er eine gute Stunde lang mitkicken. In Porto saß er wieder auf der Bank.

Wie wird Luizao reagieren? Der Brasilianer ist immer noch nicht angekommen im Bundesliga-Alltag. Luizao mag es als persönliche Schlüsselszene empfunden haben, dass Stevens ihn 90 quälend lange Minuten auf der Bank ließ. Es kam fast einer persönlichen Kränkung gleich, dass Stevens nach Boavistas Tor nicht etwa ihn, den Weltmeister, brachte, sondern den schon ausgemusterten Sverrisson, der in den letzten Jahren meist defensiv gespielt hatte. Luizao ertrug sein Schicksal in sich gekehrt, anders als sein Landsmann Alex Alves. Der verließ nach seiner Auswechslung den Platz mit einer Geste, die nicht auf den Beginn einer Freundschaft mit Stevens schließen ließ.

Gabor Kiraly weiß um die angespannte Situation. Er interpretiert sie positiv. Enttäuschung müsse kein schlechtes Zeichen sein, sagt Herthas Torhüter, sie zeige vielmehr, dass die Mannschaft lebe, „sonst wären wir doch nicht so emotional bei der Sache gewesen“. Kiralys emotionales Engagement war in Porto nicht zu übersehen. Sein Angriff auf Boavistas Torhüter Ricardo wurde von den Fernsehanstalten so detailliert in Szene gesetzt, dass der europäische Fußballverband kaum auf eine Sperre verzichten wird. Kiraly ist das egal, „Porto ist abgehakt, jetzt zählt nur noch Hamburg“. Sanktionen würden ohnehin nur für Europapokalspiele gelten. Zurzeit weiß niemand, ob das nächste Saison für Hertha ein Thema sein wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar