Sport : Es wächst zusammen

In der Frankfurter Paulskirche gründet sich der Deutsche Olympische Sportbund – Bach wird Präsident

Robert Ide[Frankfurt am Main]

Seine neue Aufgabe heftete an seinem Revers. Einen kleinen Anstecker hatte sich Thomas Bach an den Anzug gesteckt: „Deutscher Olympischer Sportbund“ stand dort unter olympischen Ringen. Der frühere Weltklasse-Fechter wurde am Samstag zum ersten Präsidenten des neuen Sportverbandes DOSB gewählt. „Der deutsche Sport bricht zu neuen Ufern auf“, sagte Bach und strich sanft mit den Händen über seinen Anstecker. Mit einer feierlichen Zeremonie wurde in Frankfurt am Main die größte Reform des deutschen Sports seit der Wiedervereinigung vollzogen. In der Paulskirche, der Wiege der deutschen Demokratie, schlossen sich das Nationale Olympische Komitee (NOK) und der Deutsche Sportbund (DSB) zum neuen Dachverband von 27 Millionen Vereinsmitgliedern zusammen.

Die extra angereiste Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wünschte Bach „viel Glück, eine gute Hand und gute Nerven“ für sein Amt. Sie hob die gesellschaftliche Bedeutung der 90 000 Sportvereine hervor und prophezeite eine Stärkung des Schulsports. „Als Ostdeutsche muss ich sagen, dass wir sportlich ganz schön getriezt wurden“, erzählte die Kanzlerin. Sie selbst habe für ihr Physikstudium eine 100-Meter-Prüfung absolvieren müssen. „Die musste ich sogar wiederholen“, bekannte Merkel und gab der historischen Stunde einen Schuss Leichtigkeit. Schnell Ernst machte Bach in seiner programmatischen Rede, in der er einen harten Kampf gegen Doping ankündigte. Manipulationen und Korruption wolle er mit „null Toleranz“ begegnen, sagte der 52-Jährige. Als Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte er bei den diesjährigen Winterspielen in Turin in Kooperation mit den Strafbehörden Jagd auf Dopingsünder gemacht.

Jacques Rogge, Präsident des IOC, vernahm diese Worte bei der Feierstunde mit Wohlwollen. „Der deutsche Sport kann nun mit einer einzigen starken Stimme sprechen“, lobte Rogge die seit mehr als einem Jahrzehnt diskutierte Fusion. Das Oberhaupt des Weltsports konnte sich allerdings nicht den Hinweis verkneifen, dass seine Heimat Belgien die Fusion der Sportverbände bereits vor 25 Jahren vollzogen habe. Bach, der Rogge als „meinen Freund und Präsidenten“ begrüßte, gilt als Favorit für die Nachfolge des IOC-Chefs, entweder 2009 oder 2013.

Mit großer Mehrheit war Bach am Vormittag zunächst zum ersten Chef des fusionierten nationalen Verbandes gewählt worden. „Ich möchte ein Präsident für alle Mitglieder sein“, sagte Bach nach seiner Wahl mit 372 von 500 Stimmen. 51 Delegierte stimmten gegen Bach. Der 52-Jährige kündigte an, Breiten- und Spitzensport zügig zu vereinigen und die Förderung von Spitzenathleten effizienter zu organisieren. Im Verband möchte der Jurist zunächst einen Kassensturz vornehmen und auf einer Klausurtagung in der kommenden Woche die wichtigsten Aufgaben des DOSB erarbeiten. Nach dem Vorbild der Wirtschaft soll das künftige Präsidium eher wie ein Aufsichtsrat arbeiten, die hauptamtlichen Mitarbeiter dürften stärker in die strategische Arbeit einbezogen werden. Einen Umzug von Frankfurt am Main nach Berlin, der zuletzt im NOK diskutiert worden war, schloss Bach aus.

Vor der Wahl im Saal „Harmonie“ eines Tagungshotels hatte es Irritationen bei nicht wenigen Funktionären über die Auswahl des zehnköpfigen Präsidiums gegeben. „Friss oder stirb“, nannten manche Bachs Strategie, ein Präsidium ohne Gegenkandidaten anzubieten. Das schwache Ergebnis für Leistungssportchef Eberhard Gienger, der sich zuvor unbedacht zum Doping geäußert hatte, war Ausdruck dieses Unbehagens (siehe Artikel rechts).

Am Ende eines besonderen Tages trat diese Kritik allerdings in den Hintergrund. „Einigkeit macht stark“, rief Angela Merkel der versammelten Funktionärselite in der Paulskirche zu. Bach nahm das Bekenntnis der Kanzlerin auf und forderte in einer mitreißenden Rede eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung für den Sport ein. „Es wird höchste Zeit, dass der Sport in das Grundgesetz aufgenommen wird“, sagte er und erntete den meisten Applaus. In diesem Moment war Thomas Bach schon voll und ganz in seinem neuen Element – als oberster Lobbyist des vereinten deutschen Sports.

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