Sport : Es war die Rechte

Wie gut war Schmeling als Boxer? Alle haben nur auf eins gewartet – „auf den Hammer von Maxe“

Michael Rosentritt

Max Schmeling hat einmal versucht, seinen Ruhm und seine Popularität so zu erklären. „Dass ich zum Idol wurde, verdanke ich mehr der Zeit als mir selber.“ Sicher, aber ein bisschen boxen musste er schon dafür. Was für ein Boxer war Max Schmeling, wie gut war er? Ein Natur- oder gar Ausnahmetalent?

Seine besten Jahre hatte er zweifellos zwischen 1926 und 1939. Das erklärt, warum es kaum noch Zeitzeugen gibt, die den jungen, guten Schmeling haben boxen sehen. Filmmaterial aus jener Zeit ist Mangelware. Es gibt ein paar wenige Aufnahmen, etwa von seinem legendären K.-o.-Sieg über Joe Louis im Juni 1936. Dabei war dieser seine Unsterblichkeit begründende Erfolg kein WM-Kampf, sondern nur ein Ausscheidungskampf für eine Weltmeisterschaft. Die großen Titel hatte Schmeling zu diesem Zeitpunkt schon gewonnen.

Gerhard Reimann, heute 78 Jahre alt und einer der ersten Redakteure des Tagesspiegels nach dem Krieg und langjähriger Sportchef, hatte das Glück, einen Schmeling-Kampf live zu sehen. Es war jener vom 31. Oktober 1948. Im Schneegestöber sah Reimann in der Waldbühne den Kampf zwischen Schmeling und Richard Vogt. Schmeling verlor diesen Kampf. „Da war er nur noch ein Schatten seiner selbst“, erzählt Reimann. Schmeling war damals schon 43 Jahre alt. Es war sein 70. und letzter Profikampf.

Max Schmeling war 1,85 Meter groß, für einen Schwergewichtler nicht gerade riesig. Ali beispielsweise ist 1,90, die Klitschkos sind zwei Meter und der Russe Valujew, der kommenden Samstag in der Max-Schmeling-Halle boxt, ist sogar 2,17 Meter groß. Aber das heißt nicht viel.

In der Mehrzahl waren die Kämpfe Schmelings langweilig. Das ist nicht untypisch fürs Schwergewicht. „Die Zuschauer haben nur auf eins gewartet – auf den großen Hammer von Maxe“, sagt Reimann. 56 seiner Kämpfe gewann Schmeling vorzeitig. Schmelings schwere, rechte Hand war gefürchtet. Manchmal musste Schmeling nur einmal treffen – „dann knickte der Gegner weg“, sagt Reimann. Als Schmeling im Januar 1928 in Berlin den Italiener Bonaglia im Kampf um die Europameisterschaft in der ersten Runde ausknockte, befürchteten einige Zuschauer im Sportpalast das Schlimmste. Für Minuten lag der Italiener regungslos auf dem Ringboden.

Die Rechte war Schmelings Markenzeichen. In gewisser Weise hat sie seine Karriere in Amerika erst ermöglicht. „What a right hand“ – was für eine Rechte, schwärmten damals die amerikanischen Zeitungen, als Schmeling in seinem ersten Kampf in den USA Joe Monte in der achten Runde in den Ringstaub schickte. Dabei hat Schmeling seine Schlagkraft nie trainiert, sondern lediglich die Handhärtung, indem er Hartgummibälle in seinen Händen verformte.

Seine Rechte war es auch, die im ersten Kampf gegen Louis den Unterschied ausmachte. „Ich habe da etwas gesehen“, sagte der Deutsche, als er auf seine Chancen gegen den für unschlagbar gehaltenen Louis angesprochen wurde. „He has seen something“, höhnten die amerikanischen Zeitungen. Sie hielten Schmelings Aussage für einen Scherz, sie wussten nicht, dass Schmelings Trainer Max Machon Filmmaterial von Louis-Kämpfen aufgetrieben hatte. Schmeling ließ sie vorwärts und rückwärts in Zeitlupe ablaufen. Das war einmalig. Erst seit Ende der Vierzigerjahre gehört das Filmstudium zur Kampfvorbereitung.

So hatte Schmeling gesehen, dass Louis beim Schlagen seine Linke immer hängen ließ. Über diese fallende Linke schlug Schmeling seine Rechte. In der zwölften Runde ging Louis zum zweiten und letzten Mal zu Boden.

Stilistisch war Schmeling nicht besonders gut. Aber er hatte Dampf in seiner Rechten. Dazu bedurfte es aber einer Gabe, die nicht viele Boxer besitzen – die Gabe, warten zu können. Trotz seiner präzisen Rechten war Schmeling ein Konterboxer. Er hatte nicht das Vermögen, seine Gegner auszuboxen. Er musste darauf warten, seinen besten Schlag anbringen zu können. Das erforderte Nervenstärke. „Max war kalt im Ring“, sagt Reimann.

Es war also nicht das Faustfechten, die edle Kunst der Selbstverteidigung, mit der Schmeling die Massen begeisterte. Allein Schmelings spektakuläre Rechte hat die Menschen mobilisiert. Nicht nur den kleinen Mann von der Straße. Er lockte Leute wie Ringelnatz und Brecht an den Ring. Nach einem Sieg Schmelings im Sportpalast standen die Zuschauer spontan auf und sangen das Deutschlandlied. In der Trostlosigkeit nach zwei verlorenen Weltkriegen bot das Boxen Ablenkung, in Schmelings Fall wohl auch ein bisschen Hoffnung.

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