Sport : Es wiehert aus jedem Schaufenster

Die Reiterspiele finden aus politischen Gründen in Hongkong statt. Nun boomt hier der Pferdesport – nur das Wetter spielt nicht mit

Nikolaus Schmidt[Hongkong]

In Peking sollen viele Olympiagäste zur Schnappatmung übergegangen sein, um nicht am Smog zu ersticken. Solche Probleme hat man in Hongkong, der Stadt der olympischen Reitwettbewerbe, nicht. Dafür andere. Anfang der Woche legte ein Taifun das öffentliche Leben lahm, ein Transport mit Olympiapferden wurde in Amsterdam festgehalten, ein anderer musste in Dubai zwischenlanden und warten, bis sich der Sturm gelegt hatte. In seinem Gefolge fiel ein Regentief über die ehemalige britische Kronkolonie her, seit zwei Tagen schüttet es immer wieder wie aus Eimern, Reiter und Pferde werden gewissermaßen zu Warmduschern. Sich mit schützenden Regenhäuten zu umgeben, haben die meisten aufgegeben – es bringt nichts. Mensch und Pferd trocknen schnell wieder, nur im Lederzeug hält sich die Feuchtigkeit hartnäckig. Und sich jeden Tag in einen nassen Sattel zu setzen, sei doch ein zweifelhaftes Vergnügen, sagt Vielseitigkeitsreiter Hinrich Romeike.

Im Geländekurs im Golfclub Bea’s River begegnet man Ingrid Klimke mit ihrem Mann Andreas, beide in Gummischlappen, aus denen das Wasser gleich wieder rauslaufen kann. Die Tochter des sechsfachen Dressur-Olympiasiegers Reiner Klimke bedauert es nach wie vor, dass die Reiter nicht in Peking dabei sind. „Wir sind hier doch sehr weit vom Schuss“, sagt sie, „olympische Atmosphäre kommt kaum auf.“ Da sind sich die Reiter einig, sie fühlen sich mit fadenscheinigen Gründen abgeschoben. Offiziell sind es seuchenhygienische Aspekte, die eine Verlegung des Pferdesports notwendig machten.

Doch letztlich gaben politische Gründe den Ausschlag, Hongkongs Zugehörigkeit zu China sollte mit der Einbeziehung in die Spiele demonstriert werden. In Hongkong hätte man viel lieber den Segelsport gesehen, aber nun ist die Stadt ganz auf Reiten eingestellt: Riesengroße Plakate mit springenden Pferden schmücken Straßen und Plätze, in den schicken Einkaufspassagen scheint es aus jedem Schaufenster zu wiehern und die örtlichen Reitklubs mussten Wartelisten anlegen, weil sie plötzlich von Leuten, die reiten lernen wollen, überrannt wurden.

Abgesehen vom Wetter können die rund 200 Olympiapferde meinen, sie seien im Paradies gelandet: Moderne, große, voll klimatisierte Ställe, eine ebenfalls klimatisierte Reithalle, ausgedehnte Trainingsplätze und eine hochmoderne Pferdeklinik – der Hongkong Jockey Club, der größte Steuerzahler der Stadt, hat sich die Pracht 100 Millionen Dollar kosten lassen, in der Hoffnung, die Anlagen direkt an der Rennbahn Sha Tin nach den Spielen selbst nutzen zu können.

Inzwischen ist die Quarantäne überstanden, die deutschen Pferde seien alle wohlauf, versichert Delegationsleiter Reinhard Wendt. Sie sind gut vorbereitet, die Pferde wurden mit computerüberwachtem Training fit gemacht und auch die Reiter haben ein bisschen mehr für die Kondition getan als sonst.

An diesem Samstag beginnen die Vielseitigkeitsreiter mit der Teilprüfung Dressur. Als erster Reiter geht der zweifache Olympiasieger Mark Todd aus Neuseeland an den Start, der ein olympisches Comeback versuchen will. Das deutsche Team hat Startplatz drei gezogen, den Anfang macht Peter Thomsen mit The Ghost of Hamish, es folgen Frank Ostholt mit Mr. Medicott, Hinrich Romeike mit Marius, Ingrid Klimke mit Abraxxas und Andreas Dibowski mit Butts Leon.

Die Reiter betrachten den Geländekurs, den ihnen der Brite Mike Etherington-Smith hingestellt hat, mit gemischten Gefühlen. Auf dem hügeligen Golfplatz ist wenig Raum zum Galoppieren, es geht bergauf, bergab oder um die Ecke. Die Strecke wurde aufgrund der klimatischen Bedingungen verkürzt auf weniger als 5000 Meter, die Zahl der Hindernisse blieb. „40 Sprünge in acht Minuten, das ist schon heftig“, sagt Andreas Dibowski. „Ein Kurs wie ein Motocross-Rennen“, findet Chris Bartle, der Honorartrainer der Deutschen. Die Zeit ist knapp bemessen. Wer eine Medaille will, darf nicht bummeln, sondern muss Gas geben. Fast wie beim Motocross.

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