Sport : Es wird einmal in Amerika

Wladimir und Witali Klitschko orientieren sich Richtung USA

Michael Rosentritt

Berlin. Was spielt es für eine Rolle, dass Wladimir Klitschko eigentlich gar kein Ukrainer ist, sondern Kasache. Der jüngere der beiden Klitschkos wurde nämlich in Semipalatinsk geboren. „Weil unser Vater beim Militär war, mussten wir schon als Kinder dauernd umziehen“, hatte Wladimir Klitschko einmal erzählt. Vor 28 Jahren war der Dienstort des früheren Luftwaffenoberst der Roten Armee eben Kasachstan. Vor fast 33 Jahren war es noch Belowodsk in Kirgisien. Dort kam Wladimirs Bruder Witali zur Welt. Ein bisschen Ruhe und eine Heimat fand die Familie Klitschko in Kiew, Ukraine. Aber was heißt das schon. Seit mehr als sieben Jahren leben die beiden boxenden Schwergewichtler in Hamburg. Das tun sie sehr erfolgreich. Beide haben promoviert, beide sind höflich, sprechen gut Deutsch und wissen sich zu benehmen. Kurzum: Die Klitschkos sind längst Adoptivsöhne des deutschen Profiboxens. Doch ausgerechnet jetzt, da beide kurz davorstehen, Weltmeister zu werden, orientieren sie sich neu. Nach Amerika.

In der Nacht auf Sonntag boxt Wladimir Klitschko in Las Vegas um den vakanten WM-Titel der WBO. Sein Gegner ist der Amerikaner Lamon Brewster. Zwei Wochen später steigt Witali Klitschko in Los Angeles in den Ring. Im Staples Center trifft er im Kampf um den WM-Titel des WBC auf den Südafrikaner Corrie Sanders, der vor ziemlich genau einem Jahr Wladimir Klitschko in Hannover ausgeknockt hatte und den WM-Titel abnahm. Seitdem ist einiges passiert im Hause Klitschko.

Adoptivsöhne werden selbständig

Im Dezember des vorigen Jahres gewannen beide Klitschkos ihre Boxkämpfe beeindruckend. Witali schlug in New York den hoch eingeschätzten Kirk Johnson. Wladimir bezwang in Kiel den Amerikaner Danell Nicholson. Beide erboxten sich damit jeweils eine WM-Chance. In dieser Zeit ließen die Klitschkos über eine Anwaltskanzlei eine Feststellungsklage einreichen. Die Boxer wollten vom Hamburger Landgericht feststellen lassen, dass ihr mit der Hamburger Universum Box-Promotion geschlossener Vertrag am 30. April 2004 endet. Die Vorbereitung auf die anstehenden WM-Kämpfe absolvierten beide erstmals ausschließlich in den USA. Zwar ausschließlich nach den Trainingsplänen ihres langjährigen Trainers Fritz Sdunek. Doch mitten hinein in die Vorbereitung unterbreitete Wladimir Klitschko dem Deutschen Sdunek, dass er sich zusätzlich den früheren Trainer von Ex-Weltmeister Lennox Lewis, den Amerikaner Emanuel Steward, an seine Seite gezogen hat. Sdunek zeigte sich enttäuscht von der Entscheidung, sagte ihm aber: „Wladimir, wenn du dich mit Steward sicherer fühlst, dann mach es.“

Es lässt sich durchaus von einer Abnabelung sprechen. Von Universum Box-Promotion, ihrem bisherigen Boxstall in Hamburg, einerseits. Und andererseits von Universum-Boss Klaus-Peter Kohl, ihrem Manager und Promoter. In den USA gründeten die Klitschkos ihre eigene Firma, die „K2 Promotion“. K2 steht für zweimal Klitschko. Geschäftsführer ist der Deutsch-Amerikaner und Klitschko-Freund Tom Loeffler. Mit dabei ist auch der Amerikaner Ron di Nicola, der beide Klitschkos in den USA anwaltlich berät. Die Klitschkos selbst sind Eigentümer der Firma. „Es haben zu viele mitverdient, wenn wir in den Staaten boxten. Dadurch hatten wir Nachteile. Der Sportler stand nur an zweiter Stelle. Deswegen haben wir K2 gegründet, um die Promotion in den USA selbst zu machen“, sagte Witali Klitschko.

Klitschkos als Firmeninhaber

In den USA boxen müssen die Klitschkos. Amerika ist im Boxen der wichtigste Markt. „Um der Beste der Welt zu sein, muss man in Amerika boxen“, sagte Klitschko. „Wird man in Amerika Weltmeister, wird man Weltmeister der ganzen Welt. Wird man Weltmeister in Deutschland, dann ist man nur Weltmeister in Deutschland.“ Vielleicht hat Witali Klitschko dabei an Henry Maske, Sven Ottke oder Dariusz Michalczewski gedacht, die wunderbar und erfolgreich boxten, Weltmeister wurden, aber von denen man in Amerika kaum Notiz nahm.

Der Hamburger Universum-Chef Klaus-Peter Kohl gibt sich in diesen Tagen gelassen. Natürlich würde er in den beiden Klitschkos die Zugpferde seines Boxstalls verlieren. Aber wird er sie auch wirklich verlieren? Vor wenigen Tagen hatte das Gericht in Hamburg entschieden, dass die bestehenden Verträge zwischen den Klitschkos und Kohl nicht am 30. April enden. Kohl hatte rechtzeitig eine Option gezogen, nach der sich die Dauer des Vertrages um die verletzungsbedingte Ausfallzeit der beiden Boxer verlängert. Wie lange aber die boxenden Brüder an ihren Promoter Klaus-Peter Kohl gebunden sind, klärte das Gericht nicht, weil das nicht Bestandteil der Feststellungsklage war.

Unabhängig davon wird die „K2“ erstmals eine WM veranstalten, den Kampf von Witali Klitschko am 24. April in Los Angeles. Vom wirtschaftlichen Erfolg dieser Veranstaltung wird abhängen, ob sich die Klitschkos dauerhaft die Unabhängigkeit von etablierten Veranstaltern sichern können. Denn zunächst musste „K2“ in Vorlage gehen. Die weltweiten Veranstaltungsrechte an den Klitschkos hält noch Kohl. „K2“ musste als Lizenznehmer einen hohen Preis zahlen. Auch andere Unternehmen und Promoter wie Don King beispielsweise boten mit, um diesen Klitschko-Kampf zu veranstalten. Zudem mussten sich die Klitschkos das nötige Veranstaltungs-Know-how teuer einkaufen. Und: Noch haben sie keinen starken Fernsehsender. Kohl hat gleich mit zwei Fernsehstationen Verträge: mit dem Bezahlsender Home Box Office (HBO) in den USA und mit dem ZDF. Letztlich macht das Geld des Fernsehens die Gagen dick.

Die Klitschkos gehen neue Wege. Eine Abkehr von Kohl und Deutschland ist nicht die zwingende Konsequenz. In den USA ist nämlich gesetzlich untersagt, dass der Manager auch als Veranstalter auftritt. Bei Wladimirs WM-Kampf am Wochenende in Las Vegas arbeitet Kohl als Manager der Klitschkos mit Don King als lokalem Veranstalter zusammen. Witali Klitschko sagt: „Im Moment macht K2 die lokale Promotion in den USA. Warten wir ab, was die Zukunft bringt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben