Sport : „Es wird schwer, mich hier wegzuholen“

Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson über das heutige Champions-League-Spiel in Hamburg, Island und Übernachten in einer Keksfabrik.

Dagur Sigurdsson, 38, ist seit 2009 Trainer des Handball-Bundesligaklubs Füchse Berlin. Als Spieler war er im mittleren Rückraum aufgestellt. Für die Nationalmannschaft Islands warf er in 397 Länderspielen 215 Tore und wurde unter anderem Fünfter bei der Weltmeisterschaft 1997 und Vierter bei der Europameisterschaft 2002.
Dagur Sigurdsson, 38, ist seit 2009 Trainer des Handball-Bundesligaklubs Füchse Berlin. Als Spieler war er im mittleren Rückraum...Foto: dapd

Herr Sigurdsson, vergleichen Sie doch mal die Begeisterung für Handball in Berlin mit der in Ihrer Heimat Island.

Island ist eine kleine Insel mit 300 000 Menschen, Handball ist die Sportart Nummer eins. Wenn die Nationalmannschaft bei einem großen Turnier gut spielt, herrscht eine Atmosphäre wie in Deutschland bei der Fußball-WM. Die Kinos haben geöffnet für Public Viewing, die Leute kriegen frei von ihrer Arbeit. Handballer sind in Island sehr bekannt.

Können Sie dort ganz normal zum Bäcker oder zur Tankstelle gehen?

Isländer gehen mit berühmten Leuten sehr locker um. Auch Nationaltrainer Gudmundur Gudmundsson kann ganz normal auf die Straße gehen.

Mit Fußballer Eidur Gudjohnsen, einst in Diensten des FC Chelsea und des FC Barcelona, betreiben Sie ein Hostel an einem Vulkan. Wie kommt man auf die Idee?

Der Tourismus in Island hat in den letzten Jahren zugenommen, weil die isländische Krone günstiger geworden ist. Es gibt aber zu wenige Alternativen zu normalen Hotels. Deshalb haben wir eine alte Keksfabrik gekauft, ein bisschen im Berliner Stil: altes Fabrikhaus, coole Atmosphäre. Das ist typisch Isländisch: Wir hatten die Idee – und dann ging es los. Ein Deutscher würde sich das 100 Mal überlegen. Fünf Monate, nachdem wir die alte Fabrik gekauft hatten, kamen die ersten Gäste.

Warum gerade ein Hostel?

Es macht Spaß. Wir betreiben das Hostel zusammen mit Freunden, wir bauen etwas für die Zukunft auf. Früher hatte ich mit einem meiner beiden Brüder auch mal eine Kneipe, die noch heute populär ist bei den Leuten meiner Generation. Wir haben sie allerdings verkauft, als ich meinen Profivertrag als Handballer unterschrieben habe.

Sie sind dann 1996 in die Bundesliga nach Wuppertal gewechselt und vier Jahre später nach Hiroshima. Warum?

Ich hatte drei Jahre in der Bundesliga hinter mir und großes Pech mit meinen Knien, viele Verletzungen. Ich hatte die Schnauze voll. Dann kam das Angebot aus Japan, wo 1997 die WM stattgefunden hat, die Sportart wurde gepusht, in jedem Verein gab es plötzlich zwei Ausländer. Es war eine tolle Erfahrung – sportlich wie kulturell.

Was heißt das genau?

Wir sind viel mit der Mannschaft gereist, von Tokio bis Osaka und Okinawa. Man hat die gleiche Lebensqualität wie in Europa, aber eine komplett andere Kultur: Musik, Fernsehen, der Umgang der Menschen miteinander, Mode, Essen. Meine Kinder waren die einzigen blonden Kinder in einer Masse aus Schwarzhaarigen (lacht). Wir waren als Familie richtig glücklich mit der Entscheidung.

Dann ging die Reise weiter nach Österreich, Bregenz war Ihre erste Trainerstation.

Eine ganz kleine Stadt, traumhaft. Auch sportlich waren wir erfolgreich (vier Meisterschaften, zwei Pokalsiege/Anm. d. Red.). Nach vier Jahren in Österreich war mir klar: Ich kann Trainer sein. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich das auch will. Ich war nicht bereit, mit meiner Familie in Deutschland von Ort zu Ort zu ziehen, um irgendwann einen Job bei einem guten Bundesligisten zu bekommen. Deshalb sind wir zurück nach Island.

Sie haben einmal gesagt, die Anstellung als Geschäftsführer bei Valur Reykjavík sei Ihr Traumjob gewesen. Warum dann der Wechsel nach Berlin?

Damals war es mein Traumjob, es war ja mein alter Verein. Ich war nicht auf der Suche – dann hat Bob Hanning angerufen. Wir kannten uns aus Wuppertal. Damals habe ich zu meiner Frau gesagt: Ich will in die Bundesliga, aber nur zu einem der besten fünf, sechs Vereine …

… die Füchse haben damals aber in der Zweiten Liga gespielt …

… ich war noch nicht fertig, also: Entweder die Top 6 – oder Berlin. Ich wusste, dass Bob auf einem guten Weg war, dass etwas Neues entstehen kann. Es sprach vieles für die Stadt: eine tolle Halle, eine Mannschaft mit Perspektive, die Zusagen, die Bob mir gegeben hat.

Für Ihr Standing in Island ist Berlin wenig förderlich. Dort sagt man, ein Trainer sei erst dann ein guter Trainer, wenn er mindestens einmal entlassen worden ist.

(lacht) Ich warte drauf. Aber ernsthaft: Für mich ist der Alltag in Berlin genauso spannend wie das nächste Punktspiel. So lange sich daran nichts ändert, denke ich nicht über Alternativen nach.

Ihr Vertrag in Berlin läuft bis 2013. Stehen die Interessenten nicht Schlange?

Ich habe in drei Jahren zwei Anfragen bekommen. Wer soll anrufen? Die Leute wissen, dass ich in Berlin zufrieden bin, dass es nicht leicht wäre, mich hier wegzuholen. Ich kann mir gut vorstellen, den Vertrag auch über das Jahr 2013 hinaus zu verlängern. Die Zeit wird kommen. Wir werden es auf jeden Fall schneller machen als Markus Babbel bei Hertha.

Verfolgen Sie das Geschehen bei den anderen großen Berliner Vereinen?

Ich war mal beim Eishockey und beim Basketball, Hertha interessiert mich auch. Manchmal treffe ich mich mit Volleyball-Trainer Mark Lebedew, mit Markus Babbel bin ich einmal essen gegangen. Leider hat jeder so viel zu tun, dass es zu wenig Zeit gibt für Austausch.

Apropos Austausch: Aus Mannschaftskreisen ist zu vernehmen, dass der Plan, den Sie den Spielern mit aufs Feld geben, relativ einfach ist. Wie sieht der Plan aus?

Alles, was ich mache, versuche ich einfach zu halten. Manchmal dauern Besprechungen nur 15 Minuten. Dann zeige ich 20, 30 Szenen, die so organisiert sind, dass die Spieler sie einfach konsumieren können.

Eine Art „Youtube“ der Füchse?

Genau, als Trainer habe ich es mit einer Generation zu tun, die mit einem Clip mehr anfangen kann als mit einer einstündigen Besprechung. Alles, was ich mache, stelle ich online. Wir haben eine eigene Plattform, dort gibt es die Informationen zum nächsten Gegner. So können die Spieler in Mitte im Café sitzen und sich trotzdem auf das Spiel vorbereiten.

Können Sie die Klickzahlen der Spieler überprüfen?

Natürlich kann ich das, aber ich will es gar nicht. Ich kontrolliere ja auch nicht, ob die Spieler um zehn oder um elf ins Bett gehen. Am Ende bewerte ich nur ihre Leistung. Man sieht aber schon, wer sich auf das Spiel vorbereitet hat.

Bob Hanning spricht oft von seiner Vision für die Füchse. Wie wichtig wäre ein Titel?

Ich denke, dass wir halbwegs da sind, wo wir mit unseren Möglichkeiten stehen können. Die Konkurrenzsituation ist natürlich groß, in der Champions League und der Bundesliga. Ich weiß aber, zu welchem Verein ich gekommen bin. Das Wachstum hat in den letzten Jahren gestimmt bei den Füchsen, das ist wichtig. Wir sind auf Augenhöhe mit Flensburg, den Rhein-Neckar-Löwen und Hamburg, letzte Saison waren wir punktgleich mit Kiel. Der THW spielt in diesem Jahr aber in einer eigenen Liga.

An diesem Sonntag wartet mit dem Rückspiel im Champions-League-Achtelfinale gegen den HSV Hamburg das nächste große Match. Worauf wird es ankommen?

Es entscheiden Kleinigkeiten, die direkten Duelle in der Bundesliga waren extrem ausgeglichen. Vielleicht entscheidet sich das Spiel erst mit der letzten Aktion, gut möglich. Ich habe ein gutes Gefühl.

Können Sie den Erfolg, den die Füchse im Moment haben, in Anbetracht des engen Terminkalenders überhaupt genießen?

Das ist ja die Scheiße – ich würde nach dem Spiel gern mal abschalten, zwei, drei Tage frei machen und dann erst auf das nächste Spiel blicken. Aber das geht leider nicht, wenn man erfolgreich sein will.

Befürchten Sie, dass das Interesse an den Füchsen zurückgehen könnte, wenn es mal nicht so gut läuft wie im Moment?

Ich glaube, dass die Zuschauer das Team mögen, sie kommen auch in schweren Zeiten, es sind keine Erfolgsfans, sondern mittlerweile richtige Fans geworden. Ich spüre einen großen Unterschied zur Situation vor drei Jahren. Ein lautes Heimpublikum ist eine große Waffe.

Von ihrem Vorgänger Jörn-Uwe Lommel heißt es, er musste gehen, weil er wie Bob Hanning in die Kategorie Alphatier fällt. Wie ist die tägliche Zusammenarbeit mit dem Manager?

Bob war selbst Trainer, ich war in Reykjavik Geschäftsführer. Jeder kennt das Geschäft des anderen, niemand mischt sich in andere Angelegenheiten ein. Es spricht für das Projekt, dass es nach drei Jahren noch keine Schwierigkeiten gegeben hat. Sonst wäre ich wohl nicht mehr in Berlin.

Wie schaltet der Trainer Sigurdsson ab?

Ich spiele abends manchmal ein paar Songs auf der Gitarre.

Welche Musikrichtung?

Ich mag englischen Fußball und englische Musik, die Antwort lautet: Britpop. Ich habe auch eine ganz gute Stimme.

Würden Sie denn singen, wenn die Füchse mal einen Titel holen?

Nein, keine Lieder, keine Vereins-Tattoos.

Das Gespräch führten Dominik Bardow, Christoph Dach und Hartmut Moheit.

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