Essay : Herthas Hoffnung auf Halt

Seit 13 Jahren wieder in der Bundesliga, vor 10 Jahren in der Champions League – Herthas Glanz aber hat keine Dauer. Gerade der Erfolg ist dem Verein nicht bekommen, dessen Selbstbild meist größer war als er selbst. Ein Essay von Michael Rosentritt.

Michael Rosentritt
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Halten wir mal fest: Hertha atmet noch. Das ist schon etwas, nach den Zusammenbrüchen der vergangenen Wochen und Monate. Berlins Fußball-Bundesligist ist durchgereicht worden von der Konkurrenz bis ans Ende des Klassements. Und wenn es dort keinen Rand gebe, wer weiß, wo Hertha BSC Halt fände. Es gibt nicht wenige, die dem Verein in der Zweiten Liga Standschwierigkeiten prophezeien. Aber so weit ist es noch nicht. Noch spielt Hertha oben mit, wohl nur noch eine Rückrunde lang, 17 Mal großer Fußball, dann dürfte es sich haben für die deutsche Hauptstadt in Sachen Bundesliga. Sechs Punkte zur Halbzeit, mit so wenig Zählbaren hat es noch nie ein Klub geschafft, die Liga zu halten. Warum soll ausgerechnet Hertha das Wunder schaffen?

Bei Hertha immerhin glauben sie daran. Woran auch sonst? Viel ist ja nicht geblieben vom einst aufstrebenden Hauptstadtklub, der sich schon zu den ganz Großen der Branche aufschließen sah – eine Selbsterfindung. Und ein Grund des Scheiterns.

Vor 13 Jahren ist Hertha aufgestiegen und dann drin geblieben. Nur einmal war der Klassenerhalt ernsthaft in Gefahr, 2004, als die Mannschaft unter Führung von Trainer Hans Meyer gerade so noch dem Abstieg entkam. Doch noch nie war die Situation so aussichtslos, so perspektivlos wie jetzt im ausgehenden Jahr 2009. Dabei hätte der Klub in diesem Jahr beinahe die Champions League erreicht. Wie kann das sein?

Michael Preetz war damals am Aufstieg maßgeblich beteiligt und ist es jetzt wieder. Damals als Stürmer, seit Sommer 2009 als Manager. Als Nachfolger des ewigen Dieter Hoeneß, der in diesem Mai nach seinem Dafürhalten vom Hof gejagt worden ist, ganz so, wie er selbst viele Spieler in den vielen Jahren seines fast uneingeschränkten Wirkens verabschiedete – von Kjetil Rekdal über Dariusz Wosz bis hin zu Dick van Burik. Hoeneß wählte oft den kurzen Prozess. Entsprechende Klauseln in den Aufhebungsverträgen untersagten den Spielern damals, in der Öffentlichkeit über die Vorgänge der Trennung zu sprechen. Jetzt hat sich auch Hoeneß daran zu halten und sagt zu Hertha so gut wie nichts. Er hat schon was Neues gefunden, als Geschäftsführer in Wolfsburg. Der VfL ist damals mit Hertha aufgestiegen, hat ebenfalls viel Geld ausgegeben, hinkte jahrelang den Berlinern hinterher. Inzwischen aber hat Wolfsburg das große Berlin fußballerisch überholt.

Wolfsburg hat VW im Kreuz, Hertha hat derzeit nicht viel mehr als Preetz. Der 42-Jährige hat ein schweres Erbe angetreten, das Erbe von Dieter Hoeneß. Sechs Jahre lang musste Preetz darauf warten. Viele glauben, dass es zu lange war, andere sagen, er könnte noch so viele Jahre warten, ein richtiger Manager werde der nicht. Preetz ist heute etwa so alt wie es Hoeneß 1996 war, als der bei Hertha anfing. Auch Preetz war Stürmer, beide haben es auf eine Handvoll Länderspiele gebracht und doch sind sie sehr verschieden in ihrer Arbeitsweise. Während Hoeneß den Klub nach Gutsherrenart führte, gilt Preetz als Teamplayer. Das mit dem teamplaying geht allerdings bisweilen so weit, dass der neue starke Mann der Hertha nach außen kaum vernehmbar ist. Vielleicht liegt das am sportlichen Absturz, vielleicht auch nur daran, es anders als sein Vorgänger machen zu wollen. Erfolg hat er damit nicht. In der gerade vom Stadtmagazin „Tip“ erstellten Liste der peinlichsten Berliner belegt Preetz einen beachtlichen vierten Platz, hinter dem früheren Finanzsenator Thilo Sarrazin und dem früheren S-Bahn-Geschäftsführer Ulrich Thon, einen der Mitverantwortlichen für das Berliner S-Bahn-Chaos.

Es sieht nicht gut aus für Hertha an der Schwelle zum neuen Jahrzehnt. Zehn Jahre ist es her, dass Hertha unter Hoeneß den größten Erfolg hatte. Das waren die Spiele in der Champions League. Es hieß damals, ein schlafender Riese sei erwacht. Zehn Jahre später weiß man, dass der Riese von Alpträumen geplagt aus dem Bett gefallen ist. Geblieben ist von der Erweckungsphase nicht viel. Selbst in der Vorsaison, als Hertha zwar nicht besonders schön, aber erfolgreich spielte, kamen weniger Zuschauer ins Olympiastadion als vor der Sanierung (2000 bis 2004). Und das, obwohl die Begeisterung in der Stadt doch so groß war, wie man es im Frühjahr bei Hertha glaubte.

Die Hälfte der regelmäßigen Hertha-Besucher kommt aus dem Umland. Demnach gehen durchschnittlich rund 25 000 Berliner zu Hertha – das entspricht nicht einmal einem Prozent der Bevölkerung der Stadt. Das ist seit Jahren schon die Realität in einer eher armen Hauptstadt mit einem reichen Unterhaltungsangebot. Sicher, der Verein hat keine leichte Geschichte und kein leichtes Umfeld, aber bei Imagekampagnen hat sich in den vergangenen Jahren der Eishockey-Klub Eisbären innovativer gezeigt. Hertha spricht zu wenige Ost-Berliner an, und viele Neu-Berliner nicht mal als Zweitverein. Aber diese Realität passt wenig in das Selbstverständnis des Hauptstadtklubs.

Hertha leidet seit Jahren unter einer gewissen Selbstgefälligkeit. Neulich meldete sich bei einer wieder mal turbulenten Mitgliederversammlung ein Herr zu Wort. Als Hauptstadtklub gehöre Hertha auf Platz eins der Bundesliga. Dafür hätten alle zu sorgen, die Wirtschaft und die Politik!

Ein Problem ist, dass Hertha der Erfolg nicht bekommt. So war es 1999 schon, als der Verein begann Geld auszugeben, was erst später eingenommen werden sollte. Das führte Hertha vor Jahren beinahe in die Insolvenz, zumindest aber an die Grenze der Liquidität. 55 Millionen Euro Schulden hatte Hertha im Juni 2006. Seit einigen Jahren fährt der Klub einen Kurs der wirtschaftlichen Vernunft. Nicht freiwillig, sondern notgedrungen. Hertha hatte kein Geld mehr für teure Transfers und setzte auf die Jugend, die man zwar fußballerisch ausbildete, aber bei der charakterlichen Ausbildung lange steuerlos ließ – so lange, bis sie dem Verein über den Kopf gewachsen war.

Hertha musste neu ansetzen. In Lucien Favre glaubte man einen Mann gefunden zu haben, der den Klub trotz wirtschaftlicher Engpässe einen gewissen Platz im deutschen Fußball ermöglichte. Der Schweizer sammelte mehr als zwei Dutzend polyvalente Spieler ein, die vor allem auf seine Spielweise zugeschnitten waren. Alle im Verein setzten auf Favre. Auch weil sie plötzlich einen hatten, über den es gelingen sollte, sich vom übermächtigen Dieter Hoeneß zu emanzipieren. Nun hat der Verein schwer zu tragen an den Jahren des Überschwangs. Und die Mannschaft wird wieder umgebaut.

Hinter Hertha liegen zehn Jahre, in denen so manche Imagekampagne initiiertet wurde. „Play Berlin“, so pries sich Hertha als großer Player an. Oder „Aus Berlin – für Berlin“, das klang nach Volksnähe. Gebracht hat beides nichts. Hertha hat keine überregionale Strahlkraft, viele Fans stehen dem Klub gleichgültig gegenüber. Hertha taugt nicht mal als Feinbild, zurzeit haben viele nur Mitleid übrig. Hertha fehlt eine Aura. Zu lange suchte der Klub die Schuld dafür nur außerhalb. Mal war es die Größe der Stadt, mal die vielen Neu-Berliner, mal war es das Olympiastadion. Manches mag stimmen, aber: Diese Standortnachteile hätte man anderswo in Deutschland gern. An die Ursachen ist Hertha nie vorgedrungen. Denn dann hätte der Hauptstadtklub sein zu groß geratenes Selbstbild hinterfragen müssen.

Der Ausweg? Einen einfachen gibt es nicht, erst recht nicht nach einem Abstieg. Die wirtschaftlichen Spielräume sind auf Jahre eingeengt, für Fußballverhältnisse eine halbe Ewigkeit. Hertha ist einst auf allen Ebenen überproportional gewachsen und nun dabei, überproportional abzustürzen.

Das Ziel kann nur sein, Halt zu finden. Herthas Vereinsspitze um Michael Preetz handelt in diesem Winter entsprechend: Mit neuen Spielern soll ein Umkehrschwung geschafft werden, der den Verein bis auf Platz 16 im kommenden Mai führt. Das würde zu zwei Relegationsspielen mit dem drittbesten Zweitligisten reichen. Eine Garantie, dass Hertha so das Wunder schaffen kann, gibt es nicht. Aber eine Hoffnung gibt es, wenigstens die.

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