Essay : Raus aus dem Loch

Das große Turnier ist vorbei, die Tränen sind getrocknet. Und was kommt jetzt? Die Berliner Hockey-Nationalspielerin Natascha Keller erklärt hier, wie Sportler sich nach Höhepunkten für neue Ziele motivieren können.

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Natascha Keller holte 2004 die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Athen, 2000 scheiterte die heute 30-Jährige in Sydney.Foto: Imago

Es ist doch für alle Sportler das Gleiche: Nach einem großen Turnier fällst du immer in ein Loch. Nach Siegen kommt das Tief etwas später. Nach Niederlagen, wie die der Fußball-Nationalmannschaft gestern, steckst du sofort drin. Wie es dann weitergehen soll, diese Frage liegt erst einmal weit entfernt. Monatelang bereitest du dich auf diesen einen Moment vor – und dann das.

Früher habe ich Tennis gespielt. Ich war talentiert und ziemlich erfolgreich. Dennoch habe ich mich eines Tages für Hockey entschieden. Warum? Weil du nach Niederlagen nicht so allein bist – und weil Siege gemeinsam gefeiert werden. Ich habe diese Entscheidung nie bereut. Gerade weil ich wertvolle Erfahrungen im Team sammeln durfte. Ich habe so viel gelernt. In der Nationalmannschaft und bei meinem Verein Berliner HC.

Die Olympischen Spiele in Sydney waren ein bitteres Erlebnis. Wir sind als Favorit in das Turnier gestartet, die Vorbereitung verlief problemlos, alle waren bereit. Unser Ausscheiden kam deshalb total überraschend. Uns fehlte ein Tor, um die Zwischenrunde zu erreichen. Ein einziges Tor gegen Holland. Wir waren völlig fertig. Zum Glück verbrachten wir danach noch eine Weile zusammen. Unsere Partie um den siebten Platz gegen England fand nämlich fünf Tage nach dem Spiel gegen die Niederlande statt. Als Mannschaft saßen wir auf der Tribüne und haben uns die anderen Begegnungen angesehen. Wir haben viel geredet und analysiert. Auf der einen Seite ist das wichtig, um mit dem Erlebten fertig zu werden. Auf der anderen Seite kommen immer wieder schlechte Erinnerungen hoch, ganz konkrete Spielszenen sogar. Wenn ich nur etwas weiter links gestanden hätte bei diesem einen Freischlag, dann wäre vielleicht...

Der Trainer muss in solchen Phasen die richtigen Worte finden – und das ist verdammt schwierig. Unmittelbar nach der Niederlage ist seine Ansprache noch eher nebensächlich, da blockiert man ohnehin total. Entscheidend sind die Gespräche danach. Es ist ganz wichtig, das Verarbeiten nicht vor sich herzuschieben, sondern sich gleich mit der Schmach auseinanderzusetzen. Denn je länger man es verdrängt, desto länger schleppt man diese Schwere mit sich herum, diese greifende Leere.

Zu den Lehrgängen der Nationalmannschaft bin ich 2004 nach dem Scheitern gar nicht mehr gefahren, ich brauchte einfach eine Pause. Für Fußball-Nationalspieler ist es bestimmt schwieriger, sich einfach so eine Weile zurückzuziehen. Ich habe mich auf andere Dinge konzentriert. Mein BWL-Studium an der Berufsakademie hat mir dabei sehr geholfen, ein neues Ziel. Der Alltag fällt trotzdem erst einmal schwer, immer wieder stören Erinnerungen dich in der Konzentration. Auch der sportliche Alltag ist hart. Nach all der Aufmerksamkeit sollte ich plötzlich wieder in der Bundesliga antreten, vor weniger als einhundert Zuschauern. Es ist schwierig, sich dafür zu motivieren. Für die Fußball-Nationalspieler ist die Fallhöhe natürlich eine andere, aber die Relationen sind wahrscheinlich vergleichbar.

Nach Triumphen sieht das völlig anders aus. Als wir 2004 in Athen die Goldmedaille gewonnen haben, bin ich erst einmal weggetreten. Die Siegerehrung, die Party, das habe ich alles wie in Trance erlebt, als ob ich in meiner eigenen Welt wandeln würde.
Schön war auch der Auftritt bei Johannes B. Kerner, noch in der Nacht nach dem Titelgewinn. Wir saßen im Auto auf dem Weg dorthin, die Goldmedaillen um den Hals. Wir haben uns angesehen und gestaunt: Es ist wahr. Wir haben es geschafft. Ich konnte es dann zwar noch immer nicht wirklich realisieren, aber der Prozess der Verarbeitung war zumindest in Gang gesetzt. Wie lange der genau dauert, das kann ich gar nicht sagen. Es ist ein kontinuierliches Aufarbeiten, ohne zu datierendes Ende. Und das Schönste daran ist: Die Feier-Bilder erscheinen einem dabei immer wieder.

Heute kommen die Fußballer nach Berlin, um sich feiern zu lassen. Das ist eine gute Idee. Denn so große, positive Emotionen saugt man richtig in sich auf, davon kann man wochenlang zehren. Die auf diese Weise gesammelte Energie trägt dich für eine Weile durch den Alltag, bis sie letztlich aufgebraucht ist. Irgendwann kommt dann doch noch das Loch. Das kann Wochen dauern oder eben auch Monate. Damit umgehen zu lernen, ist ein Bestandteil des Sportler-Lebens. Im Grunde geht es ja ständig auf und ab. An jedem Spieltag fallen Entscheidungen – Sieg oder Niederlage.

Meine Mannschaft von Athen 2004 hält die schönen Erinnerungen frisch: Jedes Jahr treffen wir uns, und zwar am Finaltag Ende August. Die Spielerinnen, die Trainer, die Physiotherapeuten, alle sind dabei. Der Erfolg hat uns tief verbunden. Über die Spiele von damals wird dann natürlich auch gesprochen, die sind präsent. Mein Vater Carsten hat heute noch eine ähnliche Tradition: Seit der Goldmedaille 1972 in München sieht er seine Mannschaftskollegen von damals jährlich.

Insgesamt haben Auswahlspielerinnen schon ein besonderes Verhältnis zueinander. Der Nationalkader ist eben die höchste Stufe. Als Jugendspieler träumst du immer davon, eines Tages in der Bundesliga spielen zu dürfen. Die nächste Etappe ist dann die Nationalmannschaft. Dort angekommen, geht es nicht mehr weiter nach oben. Deshalb begegnet man sich auf einer besonderen Ebene, man präsentiert gemeinsam sein Land und freut sich darüber. Und allein die Nominierung für die Nationalmannschaft bedeutet viel Vertrauen, das tut gut. Nur so kann ich mir auch erklären, weshalb Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger im Nationalteam so viel besser als bei Bayern München spielen. Bei uns gibt es solche extremen Fälle nicht. Denn in der Hockey-Bundesliga spielen kaum Ausländer, die Nationalspielerinnen haben ihre Stammplätze in den Klubs also sicher. Sie spüren immer das Vertrauen der Trainer.

Das Wichtigste bei der Verarbeitung von Niederlagen und Triumphen hätte ich beinahe vergessen: neue sportliche Ziele. für die sich die Quälerei im Training lohnt. Für mich sind das die Olympischen Spiele in Peking. Ich freue mich schon darauf.

Natascha Keller war 1999 Welt-Hockeyspielerin des Jahres, in der Bundesliga stürmt sie für den Berliner HC. Aufgezeichnet von Ingo Schmidt-Tychsen.

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