Sport : Etappensieg für den Zweifel

Detaillierte Ergebnisse nähren Verdacht gegen Lance Armstrong – juristisch verwertbar sind sie aber wohl nicht

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Als Lance Armstrong im Jahr 1999 die Tour de France gewann, gratulierte ihm TourDirektor Jean-Marie Leblanc mit größter Freude. Die schöne Geschichte vom Mann, der erst den Krebs besiegt hatte und dann das härteste Radrennen der Welt gewann, hätten sich die Veranstalter der Rundfahrt nicht besser ausdenken können. Sie lenkte die Aufmerksamkeit vom größten Dopingskandal der Radsportgeschichte um das Festina-Team ab, der 1998 beinahe die Tour und mit ihr den Radsport in die Knie gezwungen hätte.

Doch anstatt die Tour zu retten, könnte der siebenmalige Gewinner Armstrong sie nun herunterziehen in einen Abgrund von Lügen und Betrug. Die französische Sportzeitung „L’Equipe“ hat die Ergebnisse von sechs Urinproben aus dem Jahr 1999 veröffentlicht, die alle Spuren des Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) enthalten. „Ich bin zutiefst beunruhigt und schockiert“, sagte deshalb am Dienstag Jean-Marie Leblanc, „das ist sehr schwerwiegend für die Tour de France.“

Wie tief die Tour, der Radsport insgesamt und auch der 33 Jahre alte Amerikaner persönlich jetzt fallen, ist allerdings ungewiss. Die Umstände der Testergebnisse dürften es äußerst schwierig machen, sie sportrechtlich und zivilrechtlich gegen Armstrong zu verwenden. 1999 gab es schließlich noch keinen direkten Nachweis für Epo. Die Proben der Sportler wurden jedoch tiefgefroren. Noch immer benutzt das französische Dopingkontrolllabor Chatenay-Malabry die eingefrorenen Proben von damals, um das Verfahren zu verfeinern. Im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen wurden im vergangenen Jahr auch Proben Armstrongs untersucht.

Deshalb hat Lance Armstrong wenig zu befürchten. Für den Weltradsportverband UCI gibt es keine Möglichkeit, aufgrund einer für wissenschaftliche Zwecke entnommenen Probe Schritte einzuleiten: „Der rein experimentelle Charakter des Tests und die Tatsache, dass es keine Möglichkeiten zu einem Gegengutachten gibt, lassen uns keine Möglichkeit, die Fahrer zu sanktionieren“, bestätigte Jacques de Ceaurriz, der Leiter des französischen Labors, das auch vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditiert ist. Er sagt aber auch: „Es gibt keinerlei Zweifel an der Gültigkeit der Testergebnisse.“

Unklar ist, ob es eine Grundlage für die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada und die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gibt. Ein Sprecher von Usada sagte: „Alle Mittel sind dazu geeignet, um die Schuld eines Athleten nachzuweisen.“ In der Affäre gegen das kalifornische Dopinglabor Balco hatte Usada sogar Schritte gegen Athleten eingeleitet, bei denen kein positiver Test vorgelegen hatte. Die Wada prüfte am Dienstag noch ihr weiteres Vorgehen. Das größte Problem dabei dürfte es sein, dass zum Zeitpunkt der positiven Probe, 1999, der Welt-Anti-Doping-Code noch nicht in Kraft war.

Die Verwendbarkeit des Tests gegen Armstrong wird zusätzlich dadurch erschwert, dass das Labor von Chatenay- Malabry den positiven Test keiner sportrechtlichen Instanz mitgeteilt hat, wie es üblich gewesen wäre. Stattdessen ließ es davon zuerst Reporter von „ L’Equipe“ wissen. Roland Augustin, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur, findet das sehr befremdlich: „Eigentlich kennen die Labors nur die Nummern der Proben und nicht die Namen der Athleten. Es muss also eine undichte Stelle in der Kette geben.“ Das Labor sei an die Öffentlichkeit gegangen, obwohl es kein Verfahren gegen Armstrong gebe. Das verstoße gegen den Ethikcode der Labors.

Zwölf positive Testergebnisse sollen im französischen Labor vorliegen. Doch warum sind bislang nur Armstrongs Befunde an die Öffentlichkeit gelangt und warum ausgerechnet jetzt, einen Monat nach seinem Karriereende? Weil er mit dem professionellen Radfahren aufgehört hat, können die Verbände ihn jedenfalls mit ihrer üblichen Bestrafung, der Wettkampfsperre, nicht mehr treffen. Härter dürften für den Texaner die Konsequenzen für seine laufenden Gerichtsverfahren sein. So klagt er noch immer gegen die texanische Versicherungsgesellschaft SCA, die sich nach der Tour de France 2004 weigerte, ihm die vereinbarte Siegprämie auszuzahlen. Die Betreibergesellschaft von Armstrongs Team hatte sich über die Prämie von fünf Millionen Dollar bei SCA versichert.

SCA fand, dass die Dopinganschuldigungen in dem Buch „L.A. Confidential – Die Geheimnisse des Lance Armstrong“ von Pierre Ballester und David Walsh glaubhaft seien und fühlte sich von seiner Zahlungsverpflichtung entbunden. Darin hatte Armstrongs frühere Masseurin Emma O’Reilly schon den Vorwurf des Dopings mit Epo erhoben. Im Jahr 2001 war bereits Armstrongs Zusammenarbeit mit dem italienischen Arzt Michele Ferrari bekannt geworden, der Athleten Epo verschrieben und verkauft hatte.

In letzter Instanz geht es jedoch vor allem darum, wie die Geschichte über Armstrong urteilen wird. Wird er als einer der größten Athleten aller Zeiten oder als einer der größten Betrüger aller Zeiten in Erinnerung bleiben? Armstrong selbst ist es vor allem wichtig, was man in Amerika – wo der Großteil seiner Sponsoren sitzt – über ihn denkt, die europäische Öffentlichkeit ist ihm gleichgültig. Das ließ schon seine offizielle Reaktion auf die Anschuldigungen durchblicken: „Wieder einmal berichtet eine europäische Zeitung, dass ich gedopt habe. Das ist eine Hexenjagd und Boulevardjournalismus.“

Schon immer hat Armstrong in Amerika Dopingverdächtungen als europäischen Neid und Kleingeist dargestellt. Die Taktik funktionierte – eine Dopingdiskussion um Armstrong fand in amerikanischen Medien bislang nicht statt. Auch am Dienstag suchte man das Internet und die Fernsehstationen vergeblich nach einer Meldung über den neuerlichen Fall Armstrong ab. Der Armstrong-Biograph Dan Coyle glaubt deshalb, dass Armstrong auch diesen Fall in Amerika unbeschadet überstehen wird. „Die Sache hat keine Beine. Es gibt zu viele Ungereimtheiten. Es wird Armstrong leicht fallen, das alles zu entkräften.“ Insbesondere gegenüber einer Öffentlichkeit, die kein Interesse daran hat, dass ihr Held demontiert wird.

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