Sport : Etappenziel Normalität

Der Dopingskandal teilt die Protagonisten der Tour in Schweiger, Genervte, Redewillige und Aufklärer

Sebastian Moll[Montceau-les-Mines]

Am Vortag der Tour de France hatte die dänische Mannschaft CSC ihren Kapitän Ivan Basso verloren – suspendiert wegen eines handfesten Dopingverdachts. Hinzu kamen Stürze, weitere Ausfälle, schlechte Leistungen. Es war daher nicht verwunderlich, dass die restlichen CSC-Männer am ersten Ruhetag in Bordeaux eher niedergeschlagen wirkten. Da kam ein kleiner Spaß gerade recht. Ein dänischer Journalist fragte den italienischen Sprinter Giovanni Lombardi, einen engen Freund Bassos, ob er den Namen von Bassos Hund kenne. Lombardi verneinte, aber Jens Voigt, der Deutsche bei CSC, der neben Lombardi saß, konnte helfen: „Also mein Hund heißt Jeanie und ist eine Promenandenmischung. Und mein Goldhamster heißt Max.“

Voigts Antwort war perfekt, um die Angespanntheit aus der Situation zu nehmen. Dabei wusste Voigt gar nicht, um was es ging. „Birillo“, der Name von Bassos Hund, war nämlich Bassos Codename in den Unterlagen des Madrider Dopingarztes Fuentes. Man hätte Voigts Reaktion freilich als das branchenübliche Mauern beim Dopingthema verstehen können. Das war sie aber nicht. Voigt kannte die Hundegeschichte nicht, und als man sie ihm erzählte, begriff er nicht nur die Frage, sondern auch ihre Dringlichkeit.

In der paranoiden Atmosphäre der Tage nach dem Auffliegen der „Operacion Puerto“ in Spanien und ihrer Verdächtigen wie Basso und Jan Ullrich war Voigt einer derjenigen Rennfahrer, die sich dem Thema stellten. „Nach alledem, was wir jetzt wieder erfahren haben, kann ich schon nachvollziehen, dass ihr alle nachfragt“, sagte er zu den anwesenden Reportern. „Wir haben das Bett, in dem wir schlafen, selbst gemacht.“

Männer wie Voigt finden sich nach dem größten Dopingskandal im Radsport nach 1998 neuerdings immer häufiger. Männer, die den Generalverdacht gegen ihren Sport nicht einfach nur abwehren, sondern verstehen, dass es für Außenstehende unmöglich ist, noch irgendjemandem im Profi-Radsport zu trauen.

Anderswo blieben Genervtheiten und Gereiztheiten nicht aus. Patrick Sinkewitz etwa, der wegen seiner Verbindungen zum dubiosen italienischen Sportmediziner Michele Ferrari ins Gerede gekommen war, hatte irgendwann keine Lust mehr, sich dafür zu rechtfertigen. Bei der ersten Nachfrage antwortete er noch geduldig, dass Ferrari eben einer der besten seines Faches sei. Beim Nachhaken drehte er sich jedoch wortlos um und verschwand im Mannschaftsbus.

Oder Udo Bölts. Der Ex-Profi bei T-Mobile und Gerolsteiner, der als ZDF-Kommentator bei der Tour war, wollte das alles nach einer Woche nicht mehr: „Ich kann das ganze Gerede vom Generalverdacht nicht mehr hören“, sagte er an einem Morgen im „Tour-Village“, jenem Zeltdorf, das mit der Tour reist und für die drei Wochen tatsächlich der Dorfplatz für den Tross ist. Auch Bölts ist einer, dem man alles glauben möchte. Auch dass die Doper im Feld eine Minderheit sind, wie seine Reaktion andeutet. Aber das fiel schwer in den Tagen, nachdem die größten Stars des Sports aufflogen.

Auch dem Team Gerolsteiner würde man gerne vertrauen, zumal die Sprecher und die Mannschaftsleitung nicht erst seit neuestem Offenheit, Transparenz und einen offensiven Umgang mit dem Thema Doping pflegen. Das tat Gerolsteiner auch noch, als die Anschuldigungen in der ersten Woche der Tour ins Absurde schossen. Ein Zeitungsartikel habe am Morgen im Mannschaftsbus lautes Gelächter ausgelöst, erzählt der Teamchef Hans-Michael Holczer kurz vor dem Start der sechsten Etappe am Marktplatz von Lisieux. Darin wurde ein Gerolsteiner-Fahrer bezichtigt, sich im Urlaub mit seiner Freundin auf Rhodos mit allerlei Dopingmitteln versorgt zu haben. Entsprechende Dokumente lägen vor. „Wir haben nur festgestellt, dass wir alle verheiratet sind“, so Holczer. Fügte aber hinzu: „Naja, es hätte ja trotzdem sein können, dass einer mit seiner Freundin dort war.“ Der „Fall“ wurde als Indiz für systematisches Doping im Team Gerolsteiner herangezogen.

Wie sich jedoch herausstellte, handelte es sich um einen Mann, der zwar bei Gerolsteiner gefahren war. Aber zu einer Zeit, als das Team noch unter anderer Leitung stand. Und als der fragliche Fahrer sich um Dopingversorgung gekümmert hatte, fuhr er noch bei einem anderen Team. Trotzdem half Gerolsteiner schließlich, den Fall aufzuklären. Die „Hysterie“ der Medien zu beklagen, konnte Teamchef Holczer sich danach dennoch nicht verkneifen. Auch wenn ein solche Riposte gegen die Medien in den aufgeladenen Tagen nach der Ullrich-Suspendierung ein PR-Risiko war. Schnell geriet man in diesen Tagen in das Lager der Auch-Doper und Mitwisser.

Es gab aber auch solche bei der Tour wie Gilberto Simoni. Simoni, der dreimal den Giro d’Italia gewonnen hat, fuhr bei der Tour weit hinterher. Sehr weit. Beim Giro in diesem Jahr war er noch Dritter. Damals hatte er über den Sieger Ivan Basso andeutungsreich gesagt, dass er „außerirdisch“ fahre. Hatte Simoni etwas über Bassos spanische Verbindungen gewusst? Nein, nein, hieß es jetzt, nachdem Basso aufgeflogen war, er, Simoni, habe nur sagen wollen, dass Basso stark gefahren sei. Simoni selbst ist schon mehrfach mit den Dopingfahndern über Kreuz geraten, zuletzt wegen Kokainkonsum. Das Kokain, sagte er damals, stamme aus Bonbons seiner Großmutter.

Für die Veranstalter der Tour war derweil das Dopingthema nach dem ersten Wochenende erledigt. Nachdem die Mannschaftsleiter gemäß dem Ethikcode der Rundfahrt ihre verdächtigten Angestellten nach Hause geschickt hatten, konnten die Spiele beginnen. „Ich habe von allen Seiten nur Lob dafür bekommen, wie wir das gehandhabt haben“, sagte der scheidende Tour-Direktor Jean Marie Leblanc. „Vor allem von den Sponsoren.“ Fortan beschäftigte sich Leblanc damit, in „L’Equipe“, der halboffiziellen Zeitung des Rennens, die Rundfahrt ohne Stars zu preisen – als spannendstes Rennen seit langem, als sauberstes Rennen seit langem, als Triumph für die Dopingbekämpfung. Nach und nach verschwand Doping beinahe vollständig aus der französischen Presse. Und aus den Köpfen der Fahrer und Mannschaften. Spätestens in der dritten Woche stand in Frankreich der Sport im Vordergrund, man hatte das Gefühl einer „normalen Tour“. Anders als bei der Tour 1998, die inmitten des Festina-Skandals niemals zur Ruhe kam.

Die Fans hatten es schon viel früher verdrängt. Aber ob man sich damit abfinden kann, die Skepsis zu verdrängen und trotzdem das Spektakel der Tour zu genießen? Der Besitzer des Teams Phonak, der Schweizer Andy Rihs, findet das schon. „Radsport ist Show, Entertainment Business. Es geht um viel Geld. Und wo es um Geld geht, ob im Radsport oder anderswo, geht es halt ohne medizinische Hilfe nicht“, sagte er im Interview. Und eine Show wird nicht deshalb schlechter, weil hinter den Kulissen Aufputschmittel genommen werden.

Für den, der das weniger abgeklärt sieht, fällt die Begeisterung jedoch immer schwerer. Auch wenn die vermutlich etwas weniger schmutzige Tour gegen Ende deutlich spannender geworden ist als alles, was in den vergangenen Jahren geboten wurde.

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