Sport : Etappenziel Rekordquote

Die ARD verliert mit Ullrich bei der Tour den wichtigsten Träger ihres Logos – ein Problem sieht der Sender darin nicht

Frank Bachner

Berlin. Leider hat Ernst Jacob nicht geflüstert. Schade, geflüstert hätte sich der geheimnisvolle Satz noch geheimnisvoller angehört. „Ich weiß nicht, ob ich Jan Ullrichs Knie untersuchen werde, wenn er unterschreibt“, hatte Jacob gesagt. Natürlich nicht, er ist ja auch bloß Mannschaftsarzt des deutschen Profi-Radsportteams Coast. Wenn Jan Ullrich, der Tour-de-France-Sieger von 1997, also in Kürze bei Coast unterschreiben sollte, dann wird Jacob mit ihm einen Kaffee trinken. Oder sich nach einer guten Gangschaltung erkundigen. Aber ob er das rechte, das zweimal operierte Knie des Radfahrers untersuchen wird, das ist noch unklar. Sagt Jacob.

Natürlich wird Jacob Ullrichs Knie untersuchen, sollte der 28-Jährige wie erwartet zu Coast wechseln, irgendwann gibt Jacob das sogar zu. Aber weil er erst verschwörerisch herumeiert, heizt der Arzt den Wirbel um Ullrich erstmal noch zusätzlich an. Hagen Boßdorf hätte Jacobs Satz vermutlich gefallen, wenn er das Gespräch mitgehört hätte. Denn etwas Ungewöhnliches, etwas Geheimnisvolles steigert ja noch das Interesse an Ullrich und an der Tour, Boßdorf muss auf so etwas achten, er ist Sportkoordinator der ARD und an hohen Quoten interessiert. Die ARD überträgt die härteste Rad-Rundfahrt der Welt. Leider aber hat der ARD-Vertragspartner Team Telekom seinen Topmann Ullrich verloren und dürfte jetzt für Sportfans an Reiz verloren haben. Und damit hätte die ARD nun eigentlich ein Problem.

Aber man muss das wohl anders sehen. „Wir haben kein Problem. Die Tour insgesamt wird interessanter“, sagt Boßdorf, „ wir haben jetzt drei deutsche Teams.“ Neben dem Team Telekom und Coast fährt noch das Team Gerolsteiner. „Sicher war Ullrich ein Zugpferd“, sagt Boßdorf, „aber Telekom hat auch andere gute Fahrer. Außerdem haben wir einen Vertrag mit dem Team und nicht mit Ullrich.“ Der Vertrag läuft bis 2004, ein vorzeitiger Ausstieg nach Ullrichs Ausstieg bei Telekom im Jahr 2002, sagt Boßdorf, war nie ein Thema. „2002 hat Ullrich sogar gefehlt, da sind die Quoten in den Flachetappen so gut wie nicht heruntergegangen und in den Bergetappen nur um rund fünf Prozent.“ In den Flachetappen, sagt Boßdorf, habe Erik Zabel, der Starsprinter, für gute Quoten gesorgt. Und überhaupt: „Mit der langweiligsten Tour-Etappe erreichen wir mehr Zuschauer als mit jedem anderen Top-Radsportereignis.“

Bestimmt. Aber so ganz problemlos hat die ARD Ullrichs Abwesenheit bei der Tour 2002 wohl doch nicht weggesteckt. 2000 und 2001, als Ullrich ums Gelbe Trikot fuhr, hatte die ARD bei Übertragungen der Etappen insgesamt durchnittlich 2,88 Milionen beziehungsweise 2,76 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 28,7 bzw. 27,8 Prozent). 2002, als Ullrich fehlte, sank die durchschnittliche Gesamtzuschauerzahl auf 1,99 Millionen (Marktanteil 19,5 Prozent). Das lag bestimmt nicht allein an Ullrich, aber die Zahlen zeigen, welche Bedeutung ein solcher Topfahrer hat. Für Boßdorf freilich ist vor allem wichtig, dass Ullrichs Knie hält und der Topstar 2003 wieder startet. Dass er nicht mehr das ARD-Logo trägt – nun gut.

Ullrichs Ausfall hatte schließlich auch die Preise für Werbespots bei der Tour gedrückt. So lag der Tausend-Kontakt-Preis, eine Berechnungsgrundlage für Spot-Preise, in der Zielgruppe der Erwachsenen ab 14 Jahren in einem bestimmten Segment bei 4,96 Euro. 2001 hatte er noch 11,35 Mark betragen, umgerechnet rund 5,70 Euro. „Ullrich fehlte 2002, da passt man sich bei den Preisen der Situation an“, sagt Claudia Scheibel von der ARD-Werbung Sales&Services GmbH. Und ob Ullrich 2003 nun fährt, mein Gott, sagt sie, diese Frage sei nicht so aufregend für ihre Firma. Die treibt ganz andere Probleme um. Der Werbemarkt insgesamt bricht weg, wer weiß, wie viele Firmen überhaupt Spots zur Tour schalten, egal, wer da fährt. „Preise wie 2001 werden wir nicht verlangen können“, sagt Scheibel, „andererseits: Die Tour ist ein Highlight. Das geben wir nicht für einen Apfel und ein Ei an den Markt.“

Die Tour, ein Highlight, das sieht Boßdorf genauso. Der TV-Profi hat ganz andere Zahlen vor Augen. „Wenn alles optimal läuft“, sagt Boßdorf, „erwarten wir 2003 Rekordquoten.“

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