Sport : Etwas tun in Südafrika

Der Ausrichter der WM 2010 wird zum Spielfeld fremder Wirtschaftsinteressen

Oliver Trust[Stuttgart]

Thulani Serero, Thulani Lukhele und Philani Khwela stehen im Stuttgarter Westen. Sie haben dicke Wollmützen über ihre Köpfe gezogen und frieren trotzdem. Am Morgen brachte sie ein Flugzeug aus dem Sommer Südafrikas direkt in den deutschen Winter. Sie sind so etwas wie Botschafter für ihr Land, das sich auf die Fußball-WM 2010 vorbereitet und dabei allerlei Probleme zu bewältigen hat. Mitglieder der Juniorenabordnung des südafrikanischen Verbands unter 19 Jahren wissen noch gar nicht, was alles von ihnen erwartet wird, außer Tore zu schießen und an diesem Wochenende Fußball in der Halle des Sindelfinger Glaspalastes zu spielen. Im Augenblick frieren sie und stehen mit Mütze vor dem Büfett eines italienischen Restaurants in Stuttgart. Ein paar Meter neben ihnen sitzt Matthias Kleinert, einst Vertreter des Automobilkonzerns Daimler-Chrysler, und nun Beauftragter des Vorsitzenden der „Südliches Afrika Initiative“ der Deutschen Wirtschaft (Safri). Mehrere Hundert deutsche Firmen, vor allem aus dem Mittelstand, sind zudem engagiert.

Die jungen Spieler in den Trainingsanzügen in den Landesfarben grün und gelb sind wegen ihm hier und, weil er 1991 den „Daimler-Chrysler-Junior-Cup“ erfand, der 2007 zum 17. Mal stattfindet. Kleinert nennt das Turnier den „Startschuss“ für verstärkte Bemühungen der deutschen Wirtschaft im Hinblick auf die WM 2010. Südafrika gehört zu deren vernachlässigten Betätigungsfeldern. Nur 0,7 Prozent der deutschen Direktinvestitionen gingen 2005 an den Staat am Kap. An der Spitze der Safri steht Jürgen Schrempp. Der ehemalige Daimler-Chef sitzt auch im Beraterstab, Abteilung internationales Investment, des südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mvuyelwa Mbeki.

Afrika, sagt Kleinert und schwingt einen Teller, spiele beim kommenden G-8-Gipfel unter deutscher Präsidentschaft in Heiligendamm im Juni eine zentrale Rolle. Kanzlerin Angela Merkel unterstütze die Bemühungen und wolle diese noch weiter verstärken. Auch dabei soll der südafrikaerfahrene Schrempp als eine Art Speerspitze helfen, Kontakte weiter zu vertiefen. „Es wird ein afrikanisches Turnier werden, aber ich bin überzeugt, dass es ein sehr gutes WM-Turnier wird“, sagt Kleinert und macht auch deutlich, wie er sich das vorstellt: „Wir müssen versuchen, etwas vom deutschen WM-Sommermärchen nach Südafrika zu tragen.“

Die neu angekommenen fröstelnden Gäste schauen mit großen Augen zu und danken herzlich. Cheftrainer Letsoaka Serame lächelt. „Wir sind anders organisiert. In Südafrika gibt es wenig Vereine. Wir haben Fußball-Akademien in allen Provinzen. Dort spielen junge Spieler vor. Jetzt entsteht eine zentrale Akademie, in der die Besten trainieren.“ Er lächelt wieder und zieht entschuldigend die Schultern hoch: „Wir müssen uns in Südafrika vor allem um die Einstellung der jungen Spieler kümmern. Viele spielen bei uns, um das Publikum zu unterhalten, Fußball aber ist auch Geschäft.“ So verlockend der Gedanke unterhaltend spielender Teams auch sein mag, Kleinert pflichtet Serame in dem Moment nickend bei. Ein paar der jungen bemützten Burschen wird man vielleicht trotzdem auf einem der WM-Rasen 2010 sehen.

Vorerst aber will Matthias Kleinert zusammen mit der Landesregierung Baden-Württembergs und deutschen Unternehmen mehrere Projekte beginnen. Das geht über den Austausch von Jugendmannschaften bis hin zu Profis. Die Klubs VfB Stuttgart und Karlsruher SC sollen zu Trainingslagern in Südafrika überredet werden. Es gibt Workshops und Förderprogramme für Studenten. Kleinert sagt: „Wir haben gesehen, wie sehr die WM 2006 das Deutschland-Bild in der Welt positiv geprägt hat, diese Chance hat nun Südafrika und damit der gesamte Kontinent.“ Die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas stehe beim G-8-Gipfel unter dem Motto „Wachstum und Verantwortung“ an prominenter Stelle auf der Tagesordnung.

2010 gibt es wie bei jedem WM-Turnier einen großen Kuchen zu verteilen. Davon will die deutsche Industrie ein Stück abhaben. Aber auch China und Russland, erzählt Kleinert, zeigen derzeit ein reges Investitionsinteresse und vergäben Kredite im großen Rahmen. „Wir müssen da was tun.“ Thulani Serero, Philani Khwela und Thulani Lukhele können mit diesen Überlegungen wenig anfangen. Sie frieren im Januar 2007 in Deutschland nur, weil sie 2010 Fußball spielen wollen – im südafrikanischen Trikot.

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